Tirol: "Typischer Neid" auf den tüchtigen Nachbarn

29. September 2008, 19:04
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Deutsche Staatsbürger sind in Tirol sehr präsent: ob als Gäste, Personal im Gastgewerbe oder Studierende. Ein Forscher hat erhoben, warum sich Tiroler mit den "Eindringlingen" oft schwertun

Innsbruck - Derzeit finden wieder "Orientierungstage" an der Uni Innsbruck statt. Erstsemestrige informieren sich in der Aula der Alten Universität. Dieses Angebot nutzen auch deutsche Erstsemestrige. Von einem übermäßigen Zulauf kann aber - zahlenmäßig - nicht gesprochen werden.

Auf der Medizin-Uni beschränkt seit 2006 eine "Quotenregelung" die deutschen Studierenden auf maximal 25 Prozent. Für das Studienjahr 2008 bedeutet das bei  einer absoluten Studierendenzahl von 3469 immerhin 545 deutsche Medizinstudenten. Ähnlich die Zahlen an der Leopold-FranzensUniversität: Von den 21.001 Studierenden des Sommersemesters 2008 waren 1971 aus Deutschland.
Der Grund für die Wahl der Universität Innsbruck ist für deutsche Studierende meist derselbe: Zu schlechter Notendurchschnitt in der Heimat und, damit verbunden, zu hohe Wartezeiten auf einen Studienplatz. "Tirol gehört zum deutschen Einzugsgebiet, vor allem im süddeutschen Raum", heißt es aus dem Rektorat.

Beliebt sind sie allerdings nicht, die deutschen Studienkollegen. Da das deutsche Abi als schwieriger gilt denn das österreichische, schaffen sie den Eignungstest, den EMS-Test, leichter - das ärgert inländische Studenten. Zukünftige österreichische Mediziner müssten sich meist nach der Matura in speziellen Vorbereitungskursen Prüfungswissen in Chemie oder Biologie aneignen. Auch die "urban legend", wonach die Deutschen den Österreichern den Studienplatz wegnähmen, geht immer noch um: trotz Zugangsbeschränkung.

Emotionen

Konkrete Umfragezahlen gibt es bei "derart emotionalisierten Themen" nicht, betont der Freizeitforscher Peter Zellmann. Die Gründe für die Unbeliebtheit der Deutschen in Tirol kennt er aber aus seiner qualitativen Forschung: "Das ist typischer Neid, aber ein anerkennender Neid auf den 'großen Bruder' Deutschland", formuliert der Forscher die Hassliebe der Tiroler auf die deutschen Nachbarn.

Denn die seien "scheinbar überall", und sie haben Geld: Von den 1,5 Millionen Nächtigungen im Winter 2007 gehen 52 Prozent auf deutsche Gäste zurück. "Noch immer hat der Tiroler das Gefühl, dass er im Tourismus unter die Räder kommt", sagt Zellmann. Es sei des Tirolers "Verbundenheit zur Scholle", die die Akzeptanz von "Eindringlingen" schwierig mache: "Solche Einstellungen vererben sich bereits seit Generationen", analysiert Zellmann.
Was bleibt, ist schlechte Stimmung. Noch unbeliebter als die Touristen sind die Deutschen, die in Tirol einen "Freizeitwohnsitz" unterhalten. Auch diese Zahl ist seit 1994 geregelt. Nur mehr maximal acht Prozent im Vergleich zur Einwohnerzahl eines Ortes dürfen an "Freizeitwohnsitzer" vergeben werden. Unbestritten ist aber, dass diese Quote in Bezirken wie Kitzbühel oder Kufstein deutlich darüber, bei bis zu 60 Prozent, liegt. "Diese Bezirke picken sich quasi die Rosinen aus Tirol heraus", sagt Zellmann. Der Forscher ist aber (zweck-)optimistisch für Zukunft: "Wir werden daran arbeiten müssen, sachlich zu sein, vor allem bei derart unbelegbaren Vorurteilen." (Verena Langegger/DER STANDARD-Printausgabe, 30.9.2008)

  • In den überfüllten Innsbrucker Hörsälen sitzen zwar "gefühlsmäßig" viele deutsche Studierende. Zahlenmäßig sind sie auf der Med-Uni auf ein Viertel beschränkt - was Vorurteilen keinen Abbruch tut.
    foto: christian fischer

    In den überfüllten Innsbrucker Hörsälen sitzen zwar "gefühlsmäßig" viele deutsche Studierende. Zahlenmäßig sind sie auf der Med-Uni auf ein Viertel beschränkt - was Vorurteilen keinen Abbruch tut.

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