Kopf des Tages: Noch ein Bauer für die Spitze der Volkspartei

29. September 2008, 21:56
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Die ÖVP hat verloren, aber Josef Pröll hat in seinem Heimatbundesland das beste ÖVP-Ergebnis eingefahren - Jetzt ist er der neue Chef

In der Spitzenpolitik kann man keine Karriereplanung machen. Da kann man sich auch nicht um einen Job bewerben. Man muss warten, bis er einem angeboten wird.

Das weiß man in der Familie Pröll nur allzu gut: Onkel Erwin musste elfeinhalb Jahre lang als Stellvertreter von Siegfried Ludwig darauf warten, Landeshauptmann zu werden - es hat sich gelohnt. Seit 16 Jahren ist Pröll Landeschef.

Neffe Josef ist in diesem Schatten gewachsen: Er studierte Agrarökonomie, arbeitete in der Landwirtschaftskammer und im Bauernbund, er assistierte der rührigen EU-Abgeordneten Agnes Schierhuber - und er wurde zwischendurch Kabinettschef von Wilhelm Molterer: So lernte er alle Facetten der Umwelt- und Landwirtschaftspolitik kennen, ehe er 2002 zum Direktor des Bauernbundes berufen wurde. In dieser Funktion fiel er Wolfgang Schüssel auf, der ihn kurz vor der Regierungsbildung im Jänner 2003 anrief und ihm einen Tag Bedenkzeit einräumte, ob er das Landwirtschaftsministerium übernehmen wollte.

Eine kurze Rücksprache mit Ehefrau Gabi, einer Tirolerin, und seinen drei Kindern - dann war klar, dass Pröll die Herausforderung annehmen würde. Rasch nahm er an Gewicht ab - und an Popularität zu; was selbst seinem Entdecker Schüssel nicht ganz geheuer gewesen sein soll.
Schon vor zwei Jahren, nachdem Schüssel die Wahl verloren hatte, galt Pröll als möglicher Nachfolger. Doch Schüssel schaffte es, Molterer als Nachfolger zu installieren - Pröll musste warten. Auf seiner Homepage widersprach er am 13. 10. 2006: „Worauf warte ich noch? Bin nicht einer, der wartet, sondern der gestaltet."


Also widmete er sich der Perspektivengruppe seiner Partei - was seiner Profilierung als liberaler, städtisch orientierter Mensch mit bäuerlichen Wurzeln nutzte, aber seiner Partei letztlich kein überzeugendes Programm brachte. Gleichzeitig musste er hinnehmen, dass seine Umweltkompetenz eingeschränkt wurde, indem Kanzler Alfred Gusenbauer den (inzwischen aus der Öffentlichkeit verschwundenen) Andreas Wabl zu seinem Klimaschutzbeauftragten machte.
Obwohl er längst aus dem Schatten des Onkels getreten ist, ließ er sich gerne von dessen niederösterreichischer Landespartei zum Spitzenkandidaten aufbauen: 55.013 Vorzugsstimmen brachte das. Und eine Hausmacht, die den Bauernbündler kurz nach seinem 40. Geburtstag als neuen Chef der Volkspartei durchgesetzt hat. Sein Warten hat sich gelohnt. (Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 30. September 2008)

  • Ist nicht einer, der wartet: Josef Pröll (40) hat die Karriere fest im Auge.
    foto: standard/cremer

    Ist nicht einer, der wartet: Josef Pröll (40) hat die Karriere fest im Auge.

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