Die verblassende Erinnerung an den Wolf im Hund

29. September 2008, 18:30
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Dressur und Bewegung, Innen- und Außenwelten, Macht und Goldgier: Signa, Berlin, Michel Schweizer und das Nature Theater in Graz

Latente Bedrohung, verborgene Triebe: Fünf Schäferhunde samt Hundeführer wohnen dem salontauglichen Disput eines Philosophen und eines Psychoanalytikers darüber bei, wie man in Frieden zusammenleben könnte. Die Hunde, in denen nur eine verschüttete Erinnerung an das Wolfsein steckt, verharren reglos, bis ein Fingerzeig des Trainers sie wenige Schritte tun lässt und wieder stoppt.

Dergestalt kontrolliert werden in der Performance Bleib opus #3 (3.-5. Oktober, Helmut-List-Halle) des französischen Theaterkünstlers Michel Schweizer auch Fragen der Erziehung - Deformation, Training oder Dressur? - und der Selbstfindung erörtert. Schweizer zeigt das Unbehagen in einer Kultur, die ihre Balance verloren hat, einer Gesellschaft, die jederzeit kippen kann. Denn, so Schweizer, der degenerierte Wolf "hat mit seiner Domestizierung auch die Intelligenz verloren und die Fähigkeit zum Gruppenleben" . Die Schäferhunde stehen also für den manipulierten Bürger.

Von einer ganz anderen Dressur ist bei Eszter Salamon in Dance #1/Driftworks die Rede (4.-6. 10., Dom im Berg). Salamon geht darin von ihrer eigenen Tanzgenese aus. Irreparabel sind die Folgen der strengen Dressur in einer Ballettschule für sie, deren Körper erst von ungarischen Volkstänzen geformt worden war. Seitdem untersucht Salamon in ihren stark theatralischen Arbeiten akribisch die Darstellungen des Körpers und seiner Bewegungen.

Für Driftworks arbeitet sie nun mit der belgischen Choreografin Christine De Smedt improvisatorisch zusammen. Dies gestaltet sich als Spiel mit den Wahrnehmungen, als eine gewissenhafte Suche nach dem Sinn und der Notwendigkeit von Bewegung. Der Ausdruck entsteht so bei dem Duo auch immer erst durch die Bewegung - und nicht umgekehrt.

Bewegung ist auch der Kern der prominenten Off-Broadway-Truppe Nature Theater of Oklahoma aus New York. Poetics: A Ballet Brut (10.-12. 10., Schauspielhaus Graz) greift banale Bewegungsmuster auf, um sie in rasanten Sturzfluten in eine große Show zu verwandeln. Die Regisseure Kelly Cooper und Pavol Liska spielen mit dem Simplen, finden darin das Material für fulminante Soli, die sich flugs zu Gruppenchoreografien wandeln, ihre Geschwindigkeit kontinuierlich steigern - eine ganz dem Namen der Gruppe entsprechende Ode an die Schlichtheit!

Die Komplex-Nord-Methode der dänischen Formation Signa ist eine performative Nonstop-Installation: Vom 3. bis 12. 10. wird im Joanneum rund um die Uhr - mehr als nur "gespielt" . Eine Welt wird erschaffen, in die der Zuseher, der vor dem Eintreten seine Aufenthaltsdauer angeben muss (sechs, zwölf, 18 oder 24 Stunden) für eine gewisse Zeit eintauchen kann. Er wird als Patient zum Teil des Spitals, zum Gegenstand der Komplex-Nord-Methode für Amnesie-Kranke. Und langsam auch zur Figur.

Die konstruierte Wirklichkeit verwischt die Grenze zwischen Fiktion und Realität. Sie lässt Tabus von Krankheit, Abhängigkeit und Machtstrukturen zerbrechen.

Eine geisterhafte Welt zeigt die Gruppe Berlin in Bonanza: die vielleicht kleinste Stadt überhaupt. Die "Berliner" haben die verlassene Silberminenstadt Bonanza im nordamerikanischen Colorado filmisch porträtiert (3.-5. 10., Theater am Lend). Von ehemals über 6000 Cowboys, Goldgräbern und Glückssuchern sind heute nur noch sieben Einwohner geblieben. (Isabella Hager, DER STANDARD/Printausgabe, 30.09.2008)

  • Banale Bewegungen verdichten sich zu einem rasanten "Ballet Brut" . Das Nature Theater of Oklahoma zeigt seine hippe Poetik.
    foto: nigrini

    Banale Bewegungen verdichten sich zu einem rasanten "Ballet Brut" . Das Nature Theater of Oklahoma zeigt seine hippe Poetik.

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