Die mit den Enten plaudert ...

29. September 2008, 18:13
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Lida Winiewicz' "Paradiso" mit Hilde Sochor im Theater Walfischgasse

Wien - Der Lebensabend sollte ja mittlerweile poppig gestaltet werden. Das ist zumindest marketingtechnisch abgesegnet: Die "Golden Ager" haben sich mit Kaufkraft und hohen Ansprüchen gerüstet und stehen so für ihr Recht auf ziegelgroße Mobiltelefone ein.

Allerdings: Wenn sich die kleinen Alltagsfreuden nur noch mit hochbezahlten Pflegefachkräften erfüllen lassen, dann hört sich der Spaß auf. Greise sind bei "Golden Agern" nicht zugelassen. Sie schwinden ins "Paradiso" oder in ein vermarktetes Altersheim.

Nicht die konsumorientierte Spaßsicht, sondern das weite, stellenweise auch humorige soziale Feld rund ums Altwerden hat die 80-jährige österreichische Schriftstellerin Lida Winiewicz in Paradiso bearbeitet. Sie lässt dafür die Ansprüche einer zerknirschten, alten Erzieherin noch einmal wachsen und gegengleich deren Erfüllungsspektrum schrumpfen. Die Uraufführung des Stoffs, der sprachtemporeich und hauptsächlich farceartig für die Volkstheaterseele Hilde Sochor geschrieben wurde, wird im Stadttheater Walfischgasse zu einer Familienangelegenheit: Der Sohn der Autorin, Mathias Lefévre, inszenierte mit einem Mutter-Tochter-Gespann (Sochor und Katharina Scholz-Manker), und das eingeschworene Publikum - gehobener Altersschnitt - feierte die Premiere mit Standing Ovations.

Parkbank mit Topfbusch

Martha (Sochor) hat sich zur scharfsinnigen Gouvernante der Enten erkoren. Von ihrer großen Einsamkeit spricht eher Lefévres bemitleidenswertes Bühnenbild: eine Wiener Parkbank, zwei Gartensessel, ein Topfbusch. In dieses Nichts platzt Vicky (Scholz-Manker), ebenfalls allein, aber bedeutend jünger und Privatkrankenschwester. Im Text wäre für sie eine zwielichtige Ausgangsposition als Stalkerin, Besserwisserin und Erbschleicherin angelegt. Im Stadttheater klebt sie aber mit bewundernswerter Zutraulichkeit an der oberlehrerhaften, mürrischen und somit unterhaltsamen Bissgurn. Anhand wortgewaltig abgehandelter Seniorenthemen - Nachkriegszeit, Tangokurs, Seidenwäsche - verändert sich ein System an Nutzbeziehungen in Freund- und Wohngenossenschaft.

Der Fortgang hält eine berührende Charakterentwicklung bereit: Nach dem Schlaganfall sitzt Martha neben ihrer lethargisch strickenden Freundin, quält sich durch deren Denksportaufgaben, kratzt ihre Worte zusammen; ihre Hände verkrampfen sich an der Banklehne. Die Grundangst des Selbstständigkeitsverlusts beantwortet Winiewicz mit einem Rachemoment am Ende, also brachial. Paradiso ist damit eine dramatische, witzige und altmodisch inszenierte Kompensationsleistung. (Georg Petermichl, DER STANDARD/Printausgabe, 30.09.2008)

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