Wie man Tod und Abschied verdaut

29. September 2008, 18:11
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Die Formation Kollegium Kalksburg gastiert bei "Wean hean" und beim "Koid-Woam"

Wien - Ist es Zufall oder doch unbewusste Unausweichlichkeit, dass mit dem Abschied des Sommers die Saison der angeblich zumeist den letzten und vorletzten Dingen, dem Herbst und Winter des Lebens zugewandten Wienerlieder anbricht: Da dräut im Oktober im Konzert-Café Schmidt-Hansl die Reihe "Wien im Rosenstolz" , während das Volksliedwerk schon seit einer Weile zum "Wean hean" aufruft. Ähnliches tut der Aktionsradius Augarten mit dem Veranstaltungsschwerpunkt "Koid- Woam" , wo man heute im Rahmen einer Diskussion die Frage "Ist das Wienerlied tot?" stellt.

Die Antwort, so zeigt auch Karin Bergers aktuelle Film-Doku Herzausreißer - Neues vom Wienerlied, scheint auf der Hand zu liegen: Die traditionelle Wiener Musik, noch vor zehn Jahren, als Christina Zurbrügg ihr Filmporträt über "Die letzten Dudlerinnen" drehte, ein aussterbendes Genre, erfreut sich heute ungeahnter Beliebtheit bei jüngeren Generationen. "Ich führe das einerseits ganz pragmatisch auf die Veranstalter zurück, die Festivals organisieren und so Anreize schaffen, diese Musik zu spielen" , so sagt Heinz Ditsch, und lässt Kollegen Vinzenz Witzlsperger fortsetzen: "Vermutlich ist diese Sphäre auch infolge des Neue-Volxmusik-Wellchens Anfang der 90er-Jahre offener geworden, man hat gesehen, man muss nicht unbedingt ein Nazi sein und kann doch Volksmusik spielen und hören." Ditsch, Akkordeonist und Meister der singenden Säge, sowie Witzlsperger, Sänger und Texter, müssen es wissen, bilden sie doch mit Schlagzeuger und Kontragitarrist Paul Skrepek jr. seit 1996 das Trio "Kollegium Kalksburg".

"Die Geschichte des Wienerlieds ist stets in Wellen verlaufen, es ist immer wieder einmal frecher, schweinischer, politischer geworden. Dann hat es wieder die Gegenbewegung gegeben, die frisierten, braven, bürgerlichen Lieder. Wienerlied-Sängerinnen wie die Fiaker-Milli waren ja Outlaws, Rock 'n' Roller, die à la ‚live fast, die young' gelebt haben. Das sieht man alles nicht, wenn man ans Wienerlied denkt, da sieht man nur die raunzerten Grinzinger Partien", so veranschaulicht Witzlsperger seines Zugang. Und verweist unausgesprochen auf das nicht eben jugendfreie Lied Stillleben aus der Feder Franz Mikas, das sich auf der neuen Kalksburg-CD Wiad scho wean (Extraplatte) findet, die heute bei "Wean hean" im Theater Akzent präsentiert wird. Freilich, mit traditionellen Wienerliedern hat das Kollegium sonst nicht viel am Hut. Die Herren Ditsch, Witzlsperger und Skrepek belieben auch zu rocken, zu psychedelisieren, frei zu improvisieren: Es ist ein unpuristischer Umgang mit Wienerlied-assoziierten Insignien wie Kontragitarre und Akkordeon einerseits, mit alkoholträchtigen Dialekttexten u. a. von Oberdramolettmeister Antonio Fian und Witzlsperger andererseits.

"Wir machen uns nicht über die Tradition lustig. Das ist kein Witz über das Wienerlied" , relativiert Ditsch den Eindruck der Ambivalenz gegenüber dem Genre. Und Witzlsperger konkretisiert, was für ihn sowohl Nähe als auch Distanz zum Wienerlied ausmache: "Die großen Gefühle. Lieder und große Gefühle, das ist etwas wunderschönes. Aber wenn das nicht stimmt, wenn es verlogen ist, dann ist es furchtbar. "

Nachsatz: "Wir sind wie eine Psycho-Leber, wir verdauen all diese Themen wie Tod und Abschied für die Leute." (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 30.09.2008)

30. 9., Theater Akzent, Infos: (01) 416 23 66; 19.30; 9. 10. Aktionsradius Wien, 19.30

  • Das Wienerlied-Trio Kollegium Kalksburg.
    foto: hendrich

    Das Wienerlied-Trio Kollegium Kalksburg.

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