Fluchtlinien aus einer stillen Misere

29. September 2008, 17:46
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In Amerika herrscht ein blutiger Bürgerkrieg, so will es die Fantasie eines Literaturkritikers: "Mann im Dunkel", der neue Roman des US-Schriftstellers Paul Auster

Nun kommt Auster erstmals nach Wien.

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Wien - Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Nach der US-Wahl von 2000, bei der George W. Bush als Sieger hervorging, beginnen einzelne, von New York angeführte Bundesstaaten aus der Union auszutreten. Die Anschläge von 9/11 finden nie statt, es herrscht auch kein Krieg im Irak, dafür bricht innerhalb Amerikas eine blutige Auseinandersetzung zwischen Sezessionisten und der Föderation aus. Es liegt an einem einzelnen Mann, einem Zauberer namens Owen Brick, ein Ende herbeizuführen. Dummerweise hat dieser Mann keine Ahnung, wie es ihn überhaupt in dieses Chaos verschlagen hat.

Ein dystopischer Entwurf, mit dem der neue Roman des US-Schriftstellers Paul Auster - Mann im Dunkel - ein Tor zu einer Alternativwelt öffnet. Sie sieht der richtigen erschreckend ähnlich: Hat der Autor, der für seine Bücher um Existenzkünstler, Zufallsverkettungen und erzählerische Rätselspiele geschätzt wird, die politische Literatur entdeckt? Schließt er an die nicht abreißende Welle einer meist recht vordergründigen Post-9/11-Literatur an? Nicht ganz. Denn auch Mann im Dunkel bleibt ein Buch, in dem das Erzählen im Vordergrund steht - die Macht, sich Fluchtlinien aus der eigenen Misere herbeizufabulieren.

Paul Auster, 1947 in Newark, New Jersey, geboren, gehört seit den 1980er-Jahren zu den populärsten Schriftstellern seiner Generation. Die meisten Leser beginnen ihre Auster-Beziehung mit einem falschen Telefonanruf. Jemand möchte Paul Auster sprechen, am Apparat ist jedoch Quinn; die Hauptfigur aus Stadt aus Glas, dem ersten Teil der New York Trilog, hebt ab: sein berühmtestes (und angeblich auch am öftesten gestohlenes) Buch eröffnet Auster mit einem typischen Verwirrspiel um auktoriales Erzählen sowie um die Trennung von fiktionalem Charakter und der Person des Schriftstellers. Wer den richtigen Paul Auster endlich kennenlernen will, hat nun in Wien erstmals dazu Gelegenheit: Am 1. Oktober liest er im Ronacher aus seinem neuem Roman.

Die Bücher des in Brooklyn lebenden Autors, der mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet ist, kehren gerne ein inneres Prinzip des Erzählens nach außen: dass der Schriftsteller über Notwendigkeit und Zufall nach Belieben verfügen kann. Oft sind seine Helden, wie Marco Stanley Fogg aus Mond über Manhattan, melancholische Identitätssuchende, die gegen den Lauf der Dinge fast machtlos sind. Über die eigene Biografie schreibt Auster nur in Verkleidungen, außer in Die Erfindung der Einsamkeit, dem Porträt seines abwesenden Vaters aus Fragmenten.

Geschichte als Konstrukt

Auster, der eine Zeitlang in Frankreich gelebt hat und auch als Übersetzer (etwa von Maurice Blanchot) tätig ist, hat seine Wurzeln in der literarischen Moderne, wird aber selbst meist der Postmoderne zugeordnet. Das liegt an seiner Eigenheit, erzählerische Linearität aufzubrechen, Geschichten mithin als verspiegelte Konstruktionen durchschaubar zu machen:

In Mann im Dunkel ist es der im Bett vor sich hin grübelnde Literaturkritiker August Brill, der den düsteren Gegenentwurf zur Realität erfindet. Owen Brick ist sein Hirngespinst, mit dem er die eigenen Dämonen verjagen möchte. Es sind so auch weniger die Verwerfungen einer politischen Gegenwart, über die Auster Aussagen trifft, als die Wonnen eines familiären Glücks, in das ein unberechenbares Außen eindringt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 30.09.2008)

Paul Auster liest am 1. 10. im Wiener Ronacher, Karten: (01) 58 885

  • Ein Schriftsteller, der gerne über die Macht des Erzählens schreibt:  Paul Auster gastiert am 1. 10. in Wien.
    foto: epa

    Ein Schriftsteller, der gerne über die Macht des Erzählens schreibt: Paul Auster gastiert am 1. 10. in Wien.

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