Interview: "Banken sind zu groß geworden"

29. September 2008, 17:51
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Willi Hemetsberger, bis vor kurzem oberster Investmentbanker der Bank Austria, meint, dass für große Banken eine eigene Aufsichtsbehörde geschaffen werden soll

Willi Hemetsberger, bis vor kurzem oberster Investmentbanker der Bank Austria, meint, dass für große Banken eine eigene Aufsichtsbehörde geschaffen werden soll. Gefragt hat Renate Graber.

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STANDARD: Wie sehr gefährdet die Finanzkrise Europa? Die ersten Banken wanken schon.

Hemetsberger:  Natürlich ist Europa gefährdet. Wir erleben gerade so etwas wie einen Slow-Motion-Bank-Run: Normalerweise stehen die Leute in den Fällen Schlange vor den Schaltern, jetzt bewegt sich alles ganz langsam. Die Banken bekommen immer mehr Probleme bei ihrer langfristigen Refinanzierung, das gegenseitige Vertrauensproblem trifft inzwischen auch gute Banken.

STANDARD: Wird Europa mit einen Schnupfen davonkommen?

Hemetsberger: Nein, das wird mehr als nur ein Schnupfen. Es wird zu einer starken Rezession in Europa kommen. Denn wenn sich die Banken kein Eigenkapital holen können, vergeben sie weniger und teurere Kredite, diese Kreditklemme muss auf die Realwirtschaft drücken.

STANDARD: Wie lange dauert das?

Hemetsberger: Das kann man jetzt nicht sagen. Es waren immer Immobilienkrisen, die die Bankensysteme zum Wackeln gebracht haben. Hypothekenkredite zu vergeben ist ja Teil der Grundfunktion des Bankensystems - allerdings ist das, was da in den vergangenen Jahren lief, zu aggressiv gelaufen.

STANDARD: Österreichs Banker beruhigen: Man bleibe aufgrund der Osteuropa-Aktivitäten von der Krise verschont. Stimmt das?

Hemetsberger: Ich glaube nicht, dass die österreichischen Banken schon Liquiditätsprobleme haben. Aber jeder hortet seine Liquidität, weil er nicht weiß, ob er nicht noch ein Problem kriegen kann. Österreich ist relativ stabil, aber unsere Wirtschaft hängt natürlich sehr davon ab, wie es in Osteuropa oder Deutschland läuft. Und das Geschäft im Osten wird sich abschwächen, das färbt auf die Bankenmütter in Österreich ab. Aber das bildet sich schon jetzt in deren Aktienkursen ab.

STANDARD: Ist das US-Rettungspaket mit 700 Mrd. Dollar das Richtige?

Hemetsberger: Ob die 700 Mrd. Dollar reichen werden, kann man noch nicht sagen. Mit Garantien sind wir schon bei einer Billion Dollar; volkswirtschaftlich betrachtet, geht das noch - eine zweite Billion ist aber nicht mehr drin.

STANDARD: Die US-Steuerzahler begleichen die Rechnung?

Hemetsberger: Nicht wirklich, denn das Geld wird ja kein Geschenk an die Banken sein. Wobei man die Staatshilfe durchaus marktwirtschaftlicher hätte gestalten können; mit Debt-Equity-Swaps (Schulden gegen Eigenkapital; Anm.), Kapitalerhöhungen und Verwässerung der alten Aktionäre, die die Situation unklugerweise herbeigeführt haben.

STANDARD: Soll Europa mitzahlen, wie sich das die USA wünschen?

Hemetsberger: Sie zahlen schon, schauen sie nur Fortis an, wo jetzt einige Staaten einspringen mussten. Das Problem der europäischen Banken ist, dass sie "too big to fail" sind: Sie sind zu groß, man kann sie nicht pleite gehen lassen. Nehmen Sie Barclays: Ihre Bilanzsumme entspricht rund 90 Prozent des britischen BIP. Banken werden größer als sie werden sollten: Weil sie wissen, dass sie notfalls vom Staat aufgefangen werden, was wiederum dazu führt, dass sie sich billiger refinanzieren können und höheres Risiko nehmen. Je größer Banken werden, desto wahrscheinlicher ist aber, dass sie stürzen. Das ist ein systemisches Problem, bei Banken, Versicherern, Hedgefonds. Man müsste die anders regulieren.

STANDARD: Wie?

Hemetsberger: Man muss die Großen für die Sicherheit zahlen lassen, dass sie notfalls aufgefangen werden. Wenn sie in eine bestimmte Größenordnung kommen, muss man sie auf globaler Ebene einer Art Global Monetary Authority unterstellen, die dann Regulierungen aufstellt - etwa für die hundert oder 200 größten Banken. Die Institute, die dazu gehören, müssen für den Vorteil der Staatshilfe mehr Eigenkapital halten, dürfen bestimmte Geschäfte nicht machen. Das ist dann der Preis der Größe, der zu bezahlen ist.

STANDARD: Wer denkt sich dann die innovativen Geschäfte aus?

Hemetsberger: Die kleineren Banken. Die, die allenfalls umfallen, gemäß dem Prinzip "trial and error".

STANDARD: Der Internationale Währungsfonds hat sich schon angeboten, so eine Rolle zu übernehmen.

Hemetsberger: Ja, diese globale Behörde könnte aber auch ein Zusammenschluss der großen Nationalbanken und der EZB sein. Sie müssten entscheiden, welche Institute uner ihre Regulierung kommen, sie würden das Geld geben, wenn eine Bank fällt.

STANDARD: Welche Rolle haben Fed und andere Notenbanken gespielt?

Hemetsberger:  Die Fed hat den "moral hazard" verstärkt und bewirkt, dass die Marktteilnehmer mehr Risiko genommen haben, weil sie sich sicher gefühlt haben. Der EZB kann man das nicht vorwerfen.

STANDARD: Wie schaut der Finanzmarkt nach der Krise aus?

Hemetsberger: Wir werden mehr Regulierungen haben und mehr Eigenkapital brauchen, Kredite werden teurer. Die nächsten drei Jahre werden sicher nicht so lustig werden wie die letzten. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.9.2008)

Zur Person


Willi Hemetsberger (50) war im Bank-Austria-Vorstand für die Finanzmarktaktivitäten zuständig, gruppenweit Chef von Global Markets. Ende Mai nahm er den Hut, derzeit ist er Privatier.

  • Willi Hemetsberger: Man muss die Großen für die Sicherheit zahlen lassen, dass sie notfalls aufgefangen werden.
    foto: standard/andy urban

    Willi Hemetsberger: Man muss die Großen für die Sicherheit zahlen lassen, dass sie notfalls aufgefangen werden.

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