Mehr Mehl aus der mobilen Mini-Mühle

29. September 2008, 17:24
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Ein innovativer Müller und Bio-Pionier im Waldviertel hat einstaus der Not eine Tugend gemacht - Inzwischen ist die von ihm entwickelte Kompaktmühlezum Exportschlager geworden

Raabs/Thaya - In dem Waldviertler Städtchen Raabs treffen die Deutsche und die Mährische Thaya zusammen. Dort, wo die Stadt endet und die Thaya ein grünes Tal formte, treibt der Fluss die Turbinen der Dyk-Mühle an. Ein großer Hof mit alten Bäumen, ein stattliches Herrenhaus und ein Konglomerat aus Wirtschaftsgebäuden sind Sinnbild für Tradition und Innovation dieses Betriebes. In den großen Hallen arbeiten keine Walzstühle, die sich über Stockwerke erstrecken, sondern kleine, kompakte Maschinen, die in einem Container Platz finden. Die Container-Mühle (CMS - Compact Milling System) ist eine Entwicklung des Mühlenbesitzers Peter Dyk und beruht auf einem neuen Mahlverfahren.

Die Müllertradition der Familie Dyk geht bis auf das Jahr 1881 zurück und wird seither in ungebrochener Folge von Generation zu Generation weitergegeben. Innovativ war Peter Dyk schon zu Beginn der 1970er-Jahre. "Zuerst probierten wir es mit Mehl, das nicht dick macht. Es hatte weniger Stärke, hat aber nicht geschmeckt", erinnert sich Peter Dyk. Er war es, der dann erstmals Bio-Mehl produzierte und es erfolgreich an die Lebensmittelkette Meinl verkaufte. "Bio-Grana" heißt das Mehl, das bis heute in Raabs gemahlen wird. Dyk entwickelte ein Mahlverfahren, das die Keimlinge des dunklen Mehls schont - das Mehl bleibt aber trotzdem neun Monate haltbar.

Südafrikanische Erfahrung

Andererseits sammelte Peter Dyk Erfahrung in südafrikanischen Mühlen. "Ich habe gesehen, dass das technische Verständnis für komplexe Industrieanlagen fehlte. In der Kolonialzeit wurden riesige Industriemühlen gebaut, inzwischen sind laut einer UN-Studie 70 Prozent davon kaputt. Wahrscheinlich wurde das Knowhow nicht gelehrt und die Bevölkerung absichtlich mit dem Chaos alleingelassen", mutmaßt der Müller.

Im Waldviertel war der innovative Betrieb, der erstmals biologisches Mehl verarbeitete, unterdessen an der Expansion gehindert. In Österreich wurde vor dem EU-Beitritt das Müllereigewerbe durch Kontingente geregelt. Jede Mühle hatte ein bestimmtes Kontingent entsprechend ihrer Größe. Damit wurden einerseits die Klein- und Mittelbetriebe und somit die dezentralen Wirtschaftsstandorte geschützt, andererseits war es für Mühlen wie den Dyk-Betrieb nicht möglich zu erweitern.

Von der Kontingentierung ausgenommen waren einzig die kleinen Bachmühlen, die weniger als drei Tonnen im Monat verarbeiteten. Das brachte Peter Dyk auf den Gedanken, eine fahrbare Mühle zu bauen. Grundlage dafür war ein neues Mahlverfahren. Das Herzstück des "Compact Milling Systems" ist die patentierte Stiftmühle, in der das Getreide nicht in Walzstühlen gemahlen wird, sondern auf rotierende Stifte prallt. Das verkürzt den Mahlgang, steigert die Mehlausbeute und verringert den Kleie-Anteil.

Diese Erfindung baute Peter Dyk auf einen Lkw-Zug und pachtete bei Bauern rund um Raabs Gewerbestandorte. So schlug er der Kontingentierung ein Schnippchen - und brachte das Müllergewerbe in Aufruhr. "Ich wurde gestraft, weil ich Vollkornmehl mahlte" , erzählt Peter Dyk. Denn das war in den 1970er-Jahren im Lebensmittelgesetz nicht vorgesehen - und somit verboten. Mittlerweile gilt Dyk als Pionier der Bio-Szene in Österreich, und die Erfahrung mit seiner Lkw-Mühle brachte ihn zurück nach Afrika. Dezentrale Mühlen statt Abhängigkeit von der Industrie war die logische Erkenntnis, die er aus Südafrika nach Hause brachte.

Mit der Entwicklung der Containermühle geht die Dyk-Mühle konsequent diesen Weg. Je nach Größe und Bedarf finden die Mühlen in zwei bis sechs Containern Platz. Der erste Container dient der Reinigung des Getreides, im zweiten findet der Mahlgang statt. Die Mühle mahlt Weizen ebenso wie Hirse, Mais, Roggen und Gerste. Die Vorteile der Mühle liegen auf der Hand: Sie braucht keinen komplizierten Hallenbau, kann in drei Tagen montiert werden und benötigt kein Heer an Facharbeitern. Die Anlage, die gebrauchsfertig vom Waldviertel nach Nigeria exportiert wurde, besteht aus einer Getreidevorreinigung, einem Zwischenspeicher, einem Reinigungscontainer und zwei Mahlcontainern.

In den Osten wurde die erste Containermühle nach der Wende nach Timişoara/Rumänien geliefert - sie ist bis heute in Betrieb. Die nächsten Mühlen kamen in die Umgebung von Moskau. Eine davon läuft erfolgreich, die andere ist spurlos verschwunden...

Weitere Mühlen laufen in Tansania und im Sudan, in Amman/Jordanien und in Orenburg/Russland. Mühlen für Griechenland und für private Betriebe im Iran sind in Planung. (Mella Waldstein/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2008)

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