Spatenstich im Oberstübchen

29. September 2008, 17:30
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Ein Gehirn aus 30 Tonnen Erde, ein Sklavenkörper auf tausenden Insektenflügeln - Jan Fabre verwandelt das Kunsthaus Bregenz in menschliche Körperteile

Bregenz - Noch jeder Künstler, der hier ausstellte, machte das Gebäude zu einem völlig neuen Ort. Das stille Örtchen allerdings hat bislang keiner angerührt. Jan Fabres Arbeit beginnt im Untergeschoß, das nunmehr demonstrativ "Keller" heißt: Verschwunden ist Peter Zumthors edler Sanitärtrakt mit Glasziegeln und Stucco-Lustro-Verputz. Für die Dauer der stockwerkeübergreifenden Installation From the Cellar to the Attic. From the Feet to the Brain führen niedrige Gänge in ebensolche Kammerln in rohem Zement-Look.

Die Tiere

Im Waschraum des Männerklos gafft eine Gans von der Decke herunter, bei den Frauen ein Pfau, im Behinderten-WC ein Schwan. Der stehe für Veränderung, so der eloquente Fabre, der jedes Detail aufzuschlüsseln bereit ist.

Nebenan befindet sich ein Schlafsaal mit sieben schmalen, in typischem Fabre-Bic-blau bezogenen Betten, angrenzend eine Vorratskammer, in der Organe in Einweckgläsern aufbewahrt werden. Der Keller als Ort der Subversion, des Übergangs: Fabre erzählt von Flüchtlingen in Antwerpen, die in einem solchen Versteck einquartiert waren. Der Keller aber auch als dunkler, unheimlicher Ort, als Endstation: Fabre nennt den Namen "Dutroux".

Ähnlich ambivalent erschließen sich die folgenden vier Stockwerke, changierend zwischen Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft, Geborgenheit und Ausgeliefertsein, Pathos und Ironie. Gemeinsamer Nenner ist die Schönheit.

Das Geschlecht

Das Erdgeschoß ist dem Geschlecht gewidmet, ein Junge liegt ausgestreckt auf einer Halde von Grabsteinen, aus seinem Hosenschlitz ragt ein beachtlich erigierter Penis. Alle vier Minuten wird fontänenartig ejakuliert und der weiße Glibber suppt die Jeanskluft ein. Die Grabplatten sind graviert: mit Namen, die der Verhaltensforscher Jean-Henri Fabre, Stiefgroßvater des Künstlers, seinen Insekten verlieh.

Ebenfalls eingraviert sind Geburts- und fallweise Sterbejahre von prominenten Künstlern und Denkern, die für Jan Fabre zum jeweiligen Käfer passen. Also sind da Kafka und Proust, Foucault und Deleuze, Orlan, Louise Bourgeois, Marina Abramović und Hannah Arendt: Sie, die politische Philosophin, ist "Waakster" , der Wächter, eine Skarabäus-Art. Das leitet Jan Fabre von Arendts Schlaflosigkeit und ihren Gedichten her. Das Geheimnis, wie Simone de Beauvoir zum Titel "Werkster" ("Putzfrau") kommt, wäre noch zu lüften.

Der Bauch

Bäuchlings hingestreckt ist die nackte schwarze Gestalt im nächsten Stock, dem Bauch: Die 350.000 schillernden Panzer von Juwelenkäfern sind ein Zitat von Fabres Arbeit für den Königlichen Palast in Brüssel. Was dort an der Decke hing, liegt hier am Boden, der Luster wurde Palme. Am Pranger steht die kolonialistische Vergangenheit Belgiens.

Ästhetisch schlichter wird's, wenn das Herz freigelegt ist. In der zweiten Etage mit Katakomben-Flair wird der Körper noch einmal in Geschlechtern gedacht. Krönung ist das Gehirn. Der letzte Stock, sozusagen das Oberstübchen ist radikal umgestaltet, mit Holzgalerien, gedrechselten Geländern, Sandsäcken, Tonnen von Erde.

Anatomisch authentisch ist der Riesenkopf, auf den man hinunterblickt: Diese Wachsfigur, dem Künstler Jan Fabre täuschend ähnlich, sticht in die zerebralen Windungen wie in einen Haufen Humus. Fabre versteht dies als Aufbruch, als Befreiung, als Versuch, das permanent im Kriegszustand befindliche Gehirn zu heilen.

Die mythische Welt des Schreckens, der Schönheit und der Metamorphose, die der Theatermann und bildende Künstler Jan Fabre im KUB inszeniert, ist bis Ende Jänner 2009 zu sehen. (Petra Nachbaur, DER STANDARD/Printausgabe, 30.09.2008)

  • Der belgische Theatermann und bildende Künstler Jan Fabre verwandelt
das Kunsthaus Bregenz mit Tableaus auf fünf Stockwerken in einen
menschlichen Körper.
    foto: kunsthaus bregenz

    Der belgische Theatermann und bildende Künstler Jan Fabre verwandelt das Kunsthaus Bregenz mit Tableaus auf fünf Stockwerken in einen menschlichen Körper.

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