"Aus Trödeln wird rasch völliges Verweigern"

von Regina Philipp  |  29. September 2008, 16:32
  • Artikelbild

    Zur Person

     Paulus Hochgatterer ist Psychiater und Schriftsteller

Schulverweigerer sind keine unwilligen Jugendlichen - Der Druck in der Schule oder zu Hause wurde einfach zu groß - Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer im Interview

derStandard.at: Sind Schulverweigerer Schulschwänzer?

Hochgatterer: Nein. Schulschwänzer sind Schulvermeider. Sie gehen nicht in die Schule, weil sie keine Lust dazu haben. Schulverweigerung dagegen ist ein kinderpsychiatrischer Fachterminus, der die innere Unmöglichkeit die Schule zu besuchen beschreibt. Es geht hier nicht um Unwillen.

derStandard.at: Dient die Schulverweigerung als Strategie zur Lösung eines Problems?

Hochgatterer: Strategie impliziert bewusstes Verhalten. Ebenso wie der Begriff Verweigerung, den ich deshalb auch nicht für besonders glücklich gewählt halte. Ich bezeichne Schulverweigerung als Strategie der Psyche des Kindes, um mit einem Problem fertig zu werden oder um ein Problem auszudrücken.

derStandard.at: Gibt es eine Altersgruppe, die besonders anfällig ist für dieses Phänomen?

Hochgatterer: Grundsätzlich gibt es Schulverweigerer in jedem Alter, aber das typische Alter liegt zwischen zehn und 14 Jahren. Das ist ein besonders schwieriges Alter, das mit Pubertätsbeginn und den pubertätstypischen Konflikten zu tun hat. Vor allem aber ist in dieser Altersgruppe die innere Auseinandersetzung mit dem Elternhaus verstärkt und daher stößt die Schulverweigerung meist nicht auf besonders viel Verständnis.

derStandard.at: Ist Schulverweigerung denn immer mit der Abwesenheit des Kindes von der Schule verbunden oder ist auch das geistige Nicht-Teilnehmen am Unterricht eine Form der Schulverweigerung?

Hochgatterer: Zweitere bezeichnen wir als Leistungsverweigerer, wobei das Kind auch diese Verweigerung in der Regel nicht bewusst macht.

derStandard.at: Wo finden sich denn die Ursachen für eine Schulverweigerung?

Hochgatterer: Es gibt auslösende Faktoren, die in der Schule zu suchen sind. Da wiederum gibt es schulverweigerndes Verhalten, das einfach auf Überforderung zurückzuführen ist. Das bedeutet, dass an ein Kind Leistungsanforderungen gestellt werden, denen es nicht gerecht werden kann. Auch soziale Gründe sind möglich. Kinder, die in der Klassengemeinschaft keinen Platz haben, gemobbt werden oder Demütigungen erfahren, mit denen sie nicht mehr zurecht kommen. Besonders heikel ist es, wenn Kinder nicht mehr in die Schule gehen können, weil es ihnen ihre Beziehung zu einzelnen Lehrern unmöglich macht.

derStandard.at: Was ist mit Problemen außerhalb der Schule?

Hochgatterer: Auch die gibt es, allerdings sind sie psychodiagnostisch manchmal viel schwieriger zu erfassen. Der schulische Bereich dient hier als Projektionsfläche für Schwierigkeiten, die in der Familie liegen. Klassisches Beispiel sind Kinder, die zwischen ihren Eltern eine massive chronische Spannung spüren und zu Hause bleiben müssen, um zu verhindern, dass zwischen den Eltern irgendetwas Furchtbares passiert. Da geht es fast immer um eine drohende Trennung.

derStandard.at: Kündigt sich das Verweigerungsverhalten an?

Hochgatterer: Meistens wird aus dem Trödeln in der Früh und dem zu spät Weggehen rasch ein völliges Verweigern. Die Kinder sagen dann deutlich: "Ich gehe heute nicht in die Schule". Bei manchen Kindern ist es auch durch körperliche Symptome maskiert. Sie somatisieren und klagen beispielsweise über Bauchweh, Halsweh oder Kopfschmerzen. Gelegentlich tritt auch aggressives Verhalten auf. Kinder, denen es unmöglich ist in die Schule zu gehen, verteidigen ihr Verhalten zum Teil mit großer Vehemenz.

derStandard.at: Besitzen schulverweigernde Kinder ein besonders niedriges Selbstwertgefühl?

Hochgatterer: Manchmal, aber nicht immer. Schulverweigerung braucht Energie. Es sind also in der Regel Kinder, die Kräfte besitzen. Im therapeutischen Prozess ist es dann wichtig, diese Energie umzuleiten und konstruktiv zu nützen.

derStandard.at: Wie gehen die Eltern am besten damit um?

Hochgatterer: Zuallererst sollten die Eltern das Gespräch mit ihrem Kind suchen. Man muss sich auch fragen können: Stelle ich an mein Kind Ansprüche, denen es nicht gerecht werden kann. Das erfordert die Fähigkeit zur Selbstkritik. Findet sich auch im Gespräch mit dem Lehrer keine Ursache, dann sollte man daran denken einen Profi zu Rate zu ziehen.

derStandard.at: Soll man das Kind zwingen, die Schule weiter zu besuchen?

Hochgatterer: In der Regel wird damit nichts besser.

derStandard.at: Womit hat man dann Aussicht auf Erfolg?

Hochgatterer: Mit einer professionellen psychologischen Beratung oder psychotherapeutischen Therapie. Da geht es um Ursachenfindung und dann um Anpassung der therapeutischen Strategie. Das kann bei einem Kind eine Verhaltenstherapie sein und bei einem anderen eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie. Liegen die Ursachen innerhalb der Familie dann ist möglicherweise eine systemische Familientherapie das Richtige.

derStandard.at: Das heißt am besten ist, wenn das Kind vorrübergehend vom Unterricht befreit wird?

Hochgatterer: Manchmal ist es in einem therapeutischen Prozess sogar absolut notwendig, das Kind längerfristig vom Unterricht zu befreien. Wichtig dabei ist, dass der Kontakt zur Stammschule nicht abreißt. Die Schulen sind da aber in der Regel sehr kooperativ.

derStandard.at: Wäre denn ein Schul- oder Klassenwechsel eine brauchbare Lösung?

Hochgatterer: Wenn es um Mobbing oder andere fassbare soziale Schwierigkeiten innerhalb der Klasse geht, ist auch das manchmal eine gute Lösung. Dem Kind zu zeigen, dass es nicht notwendigerweise Personen ausgeliefert ist, die ihm so große Schwierigkeiten bereiten. (Regina Philipp, derStandard.at, 29.9.2008)

druckenweitersagen:
posten
21 Postings
klinischrein
30.09.2008 23:18
fix angestellte psychologen an schulen könnten helfen,

wo psychologisches wissen bzw. feingefühl fehlt (und nicht nur dort - der bedarf an psychologischen dienstleitungen an schulen ist höher denn je).

dass meine schule nicht ansatzweise kooperativ war, das stimmt wohl doch nicht ganz, denn es gab da eine lehrerin, die mich vor dem hintergrund meiner speziellen situation gesehen und beurteilt hat.

klinischrein
30.09.2008 22:53
meine schule war nicht ansatzweise kooperativ und ich weiß, ich bin kein einzelfall.

ich war während meiner schulzeit jahrelang einem intensiven mobbing durch klassenkameraden ausgesetzt. des öfteren habe ich bei dem direktor meiner schule um versetzung in die parallelklasse angesucht (ein schulwechsel schien mir bald nicht mehr bewältigbar). immer hat dieser "fähige" mann abgelehnt: es werfe ein schlechtes licht auf die schule. meine große anzahl an fehlstunden wurde mit gefährungen und einer feststellungsprüfung vergolten - trotz psychiatrischem attest bezüglich schwerer depressionen. auf der maturafeier hat der direktor meiner schule dann zu mir gesagt: "na schau, hast es doch geschafft.". dem durch die bestandene matura verursachten serotoninschub sei dank, dass er diesen satz überlebt hat...

ich finde
30.09.2008 16:04
unwillige Jugendliche gibt es nur wenige - unwillige Eltern gibt es sehr viiiiiiiiiiele!

ich finde
30.09.2008 16:14
+ unwillige Erwachsene gibt es sehr viiiiiiiiele!

Schneeglöckchen
07.10.2008 14:01

sehe ich genauso, daß es viel zu viele miese eltern gibt, die ihre kinder piesacken.

nur dem psychiater scheint die existenz von sogar extrem schädigenden eltern noch nicht aufgefallen sein, wenn er das naheliegende ausläßt und alles andere als mögliche ursache für schulverweigernde kinder erachtet.

guggi102
30.09.2008 14:36

Was ich an solchen Fällen immer extrem unfair finde, ist, daß der Gemobbte die Klasse oder gar Schule verlassen muß, während die Mobber (oft ist es auch nur einer) unbehelligt bleiben. Niemand kann oder will etwas gegen Bösartigkeiten unternehmen, das kanns doch nicht sein.

Wladimir Estragon
30.09.2008 15:48
"Was ich an solchen Fällen immer extrem unfair finde, ist, daß der Gemobbte die Klasse oder gar Schule verlassen muß, während die Mobber (oft ist es auch nur einer) unbehelligt bleiben."

tja, dies ist doch ein geläufiges gesellschaftliches verhalten, oder nicht? woraus resultiert dies? eine plausible erklärung ist jene, dass menschen die sich mobben "lassen" sowieso als keine besonders "starken" menschen angesehen werden. oft werden meschen auch deswegen gemobt, weil sie eben irgendwie anders sind. tja, da kann man fast nur sagen, so unfair das auch ist, der mensch ist mensch und pech gehabt.

Moo
05.10.2008 12:06
Das Recht des Stärkeren ist wieder up to Date.

Es liegt wohl am Schulsystem das nur "Starke" und "Bewaffnete" fördert, statt zu hinterfragen welche grausamen Waffen bei Mobbing eingesetzt werden.
Der Gemobbte ist klar im Nachteil, vor allem wenn sich auch die Lehrer nicht dezitiert dagegen positionieren und wegsehen.
Die Gesellschaft radikalisiert sich in Konkurrenzdenken und Egoismus. Schauderhaft!

Hibiskus
07.01.2009 16:05
Wobei hier oft der "Stärkere" der augenscheinlich Dümmere aber Brutalere ist.

Ich glaub dass Kinder (auch Erwachsene) die zur Feinfühligkeit erzogen wurden ganz besonders große Probleme mit Mobbern bekommen können.

Nichts ist wie es scheint
30.09.2008 12:21
Witzigerweise verdienen Viele davon nach 10Jahren Trödeln und Grenzen ausloten ...

... mehr Geld für das Selbe was die Anderen 10Jahre studiert haben (Was natürlich wieder auf Neid stosst - Aber dann ist es den TrödlerInnen egal)

AlBundyFan
30.09.2008 11:22
egal was die auslöser sind (und die sehe ich ähnlich wie beschrieben)

jede tat ist eine bewußte und aktive entscheidung diese zu tun außer man handelt aus notwehr(zb.bedrohung mit einer waffe).

wen ein kind den besuch der schule verweigert ist das trotzdem eine aktive handlung-sonst müßte ja eine fremde macht besitz über sein gehirn ergriffen haben und das geht gottseidank noch nicht.

leider wird es ja auch bei gerichtsverfahren oft in derselben weise argumentiert und täter freigesprochen oder mit lächerlichen strafen bedacht.

Simplicius Simplicissimus
30.09.2008 10:24
Die Frage ist: ...

... was, außer Umweltschäden, haben "gute" Ausbildungen denn schon gebracht. Digitalisierte Waffen, Gen-Mais, schwere Autos zum Fahren von Tankstelle zu Tankstelle, jede Menge Stromverbrauch.
Hohes Bildungsniveau scheint derzeit eher in den kollektiven Selbstmord zu führen.

zellu lloyd
01.10.2008 15:38

und niedriges Bildungsniveau in das Wahlergebnis vom Sonntag!
*grusel*

Fleder
05.10.2008 11:49
Unser Schulsystem funktioniert nach ÖVP-Philosophie und ist für sensiblere Naturen völlig ungeeignet!

Schule ist wie Strafe oder wie eine Begegnung mit Kdolsky.

Machthungrige, psychologisch unbedarfte, grantige Lehrer suchen bei Schülern nach Fehlern und strafen, statt nach ihren Stärken zu suchen u. die zu fördern.

Die Schüler übernehmen das Repressionsverhalten von Lehrern und üben sich untereinander in Mobbing und Konkurrenzdenken, statt in Solidaridät, Unterstützung und Verständis.

Unzählige Jugendliche müssen schon wegen Schul- und Prüfungsangst Psychopharmaka nehmen.

Der Lehrplan ist viel zu unflexibel, bietet keine Wahlmöglichkeiten.
Wenn ein Gymnasiast z.B. ein Problem mit Französisch hat, aber sonst in allen Fächern super ist, scheidet er aus seiner Zukunft aus.
Vorschrift ist Vorschrift, da fahren die ÖVP-Dampfwalzen drüber.

Emilix
28.01.2009 13:43
Ich bin Vegetarier, aber lieber esse ich mit der Kdolsky einen Schweinsbraten als noch einmal einen Tag in der Schule zu sitzen!!!

luzifer debruille
30.09.2008 11:54
diese arroganz ...

...gegenüber technischem fortschritt kann nur ein verwöhnter, sich sicher fühlender europäer an den tag legen. eigentlich unglaublich!

ello
30.09.2008 11:04

dann war es doch keine gute ausbildung.

fernando pessoa 
30.09.2008 01:56
besser

viel, viel besser als das sonstige geblähe der leitfossilien der branche (zb friedrich)

Trost & Rat
30.09.2008 11:06
Wie wahr.

Unter anderem vermeidet Hochgatterer auch den kindischen "Die-Schule-ist-schuld"-Reflex. Ich kenne zufällig Lehrer, die Schulverweigerer zu betreuen hatten (sofern man das so nennen kann).

Das ist wirklich die Hölle für alle Beteiligten.

Fruchtzerg
29.09.2008 22:14

Gutes Interview.

fineforfeet
23.01.2009 18:28

Projekt Schlangenfuß -SPZ 11

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.