Wenn Medien Messe machen

29. September 2008, 14:26
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"Gefährliche" Blogger, Lob für die Privaten, ein "Medienfrühling" und der Trend zum Boulevard - Wie geht es weiter mit den Medien hierzulande?

"Was kommt, was bleibt - Die österreichische Medienlandschaft am Scheideweg" war heuer das Motte der Medientage 2008. Vom 24. bis 26. September tummelten sich Medienleute und die, die es noch werden wollen, in der Messe Wien, um sich zu informieren, um zu sehen und gesehen zu werden. Während Österreichs Medien auf der Messe mit Informationsständen, Merchandising und Buffet versuchten, neue Interessenten für sich zu finden, verbargen sich hinter einem dunklen Vorhang die Podiumsdiskussionen und Vorträge rund um Medien, Werbung und neue Video-Games der Medientage. Außerdem wurde der erste Alfred-Worm-Preis für investigativen Journalismus an Fritz Pessl von den Salburger Nachrichten verliehen.

Quo vadis, Medienlandschaft?


"Die Frage ‚Wohin gehen wir?' ist keine der technischen Möglichkeiten, sondern des Eigenverständnisses. Die Medien erleben derzeit eine ernorme Boulevardisierung, der zum Abo verkaufte PC ist oft wichtiger als das Medium selbst. Wir sollten uns alle an der Nase nehmen und erinnern, dass Medien die Verpflichtung zu Bildung und Aufklärung haben, " mahnt Hans-Jörgen Manstein, Aufsichtsratsvorsitzender des Manstein Verlages, in seiner Einleitungsrede. Er warnt die Medien davor, sich allzu sehr von ihren wirtschaftlichen Interessen leiten zu lassen. "Wenn Medien einer reinen Rendite-Hascherei unterliegen, sollten wir in uns gehen."

Sein Co-Redner Oliver Voigt, Herausgeber und Geschäftsführer der Verlagsgruppe News, hat vor allem lobende Worte für Österreichs Medien übrig. „Unsere Branche ist so vital wie noch nie. Es herrscht ein wahrer ‚Medienfrühling' - neue Tageszeitungen, neue Magazine, neue TV-Sender und unzählige Webangebote sprießen aus dem Boden. Dass der Magazin-Konsum aufgrund des Internets zurückgeht, ist Blödsinn. Die Printmedien erweisen sich als unverwüstlich."

Voigt fordert vor allem eine Abwehr von Werbeverboten, insbesondere die Aufhebung der Werbesteuer. In punkto Internet sieht er in der „Verzahnung" von Print und Online gute Zukunftschancen. "Wir sollten das WWW nicht als Feind sehen, sondern uns stärker verbinden."

Forderung nach einer Medienbehörde

Frauen- und Medienministerin Heidrun Silhavy will besonders den Dialog zwischen Medien und der Politik fördern. "Wir stehen in politisch turbulenten Zeiten - egal, welche Bundesregierung wir bekommen, jede wird sich mit Herausforderungen im Medienbereich konfrontieren müssen." Silhavy sieht es als unabdingbar, eine neue Form der Selbstregulierung im Medienbereich einzuführen. Daher fordert sie die Ernennung eines unabhängigen Medienrates. "Medien haben Verantwortung, daher ist Selbstregulierung nötig."

Dem stimmte auch ÖVP-Chef Willi Molterer zu, der nach einer 19-stündigen Nationalratssitzung erschöpft, aber fast pünktlich zu einem Gastauftritt erschien. Er nannte die baldige Errichtung einer Medienbehörde als "Nukleus für die Frage nach Qualität der Medien" eine wichtige Priorität. Außerdem lobte er die Walberichterstattung der privaten Sender ATV und Puls 4. „Österreich nähert sich in dieser Hinsicht der europäischen Normalität", so Molterer.

Wahlberichterstattung mal anders

Ein Highlight auf der Medienmesse war die Podiumsdiskussion der Medienberühmtheiten Christian Rainer, Michael Fleischhacker, Eva Dichand, Christoph Kotanko und Armin Wolf. Moderiert wurde die Debatte zum Thema "Die Medien und der Wahlkampf" von profil-Chefredakteur Herbert Lackner. Auch in dieser Runde wurde die Wahlberichterstattung der Privatsender gelobt. "Es war der erste Wahlkampf, in dem die privaten Sender überhaupt eine Rolle gespielt haben. Das war erfrischend", meint Kotanko.

Armin Wolf erachtet die Leistung der Privatsender ebenfalls als gut und solide, findet aber auch Kritikpunkte. "Für das Engagieren von Josef Broukal als Moderator wäre der ORF geohrfeigt worden - das war ein neuer Ansatz der Privaten. Die ORF-Debatten wurden dennoch von elf Millionen Zuschauern gesehen. Dagegen sind die Privatsender mit 500.000 noch keine Konkurrenz - aber das kann sich ja noch ändern."

Blogger "gefährlich"

Als Herbert Lackner in die Runde fragt, warum es in Österreich keinen Online-Wahlkampf wie in den USA gibt, schwirren die Antworten wild umher. "Wir sind dafür einfach noch zu unterentwickelt, es fehlen die nötigen Formate", findet Eva Dichand. Fleischhacker meint: "Es ist eine falsche Auffassung der Parteien, zu glauben, dass man für die Jungen im Internet sein muss. Denen in Netz dann nur Schrott anzubieten, ist wirklich absurd." Christian Rainer hält es für „gefährlich", Blogger als die Journalisten des 21. Jahrhunderts zu bezeichnen. "Ich appelliere daran, vorsichtig mit dieser Bezeichnung zu sein. LIF-Chef Zach etwa musste zurücktreten, weil klassische Medien darüber recherchiert und berichtet hatten - das ist echter Journalismus." (Amina Beganovic, derStandard.at, 29.9.2008)

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    "News"-Boss Voigt und "Österreich"-Chef Fellner.

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