Neue Netzwerke im Gehirn wieder aufbauen

29. September 2008, 11:27
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In der Akutversorgung von Schlaganfällen ist Österreich Weltmeister, in der Langzeit-Rehabilitation klaffen Versorgungslücken

Auf der Welt-Schlaganfall-Konferenz in Wien waren sich die Experten letzte Woche einig: Bei den geringsten Anzeichen eines Schlaganfalls, die sich als halbseitige Schwäche, Lähmung oder Taubheit äußern oder sich auch als Seh- oder Sprachstörungen bemerkbar machen können, müssen Patienten so rasch wie möglich in spezialisierte Versorgungseinheiten, die sogenannten Stroke-Units. Dort werden nach einer präzisen Diagnose die den Schlaganfall verursachenden Gerinnsel in den Blutgefäßen des Gehirns durch Thrombolyse aufgelöst. Das Ziel: bedrohtes Gehirngewebe retten.

Neuvernetzung der überlebenden Nervenzellen

24.000 Menschen pro Jahr erleiden in Österreich einen Schlaganfall, mit 32 spezialisierten Stroke-Units schafft man es hierzulande, 40 Prozent der Erkrankten innerhalb von 90 Minuten in diese Spezialzentren zu transferieren.

Noch in der Intensivphase beginnt die Frührehabilitation. "Unmittelbar nach einem Schlaganfall beginnen die Nervenzellen, die im Umfeld überlebt haben, sich neu zu vernetzen, und legen damit die Basis für spätere neue Funktionen", sagt Manfred Schmidbauer, Vorstand des Neurologischen Zentrums Rosenhügel in Wien. Nach der stationären Intensivbehandlung kommen Patienten für vier bis sechs Wochen in die Rehabilitation. Dann werden sie entlassen.

Einem Großteil bleiben Behinderungen

"Zwei Drittel bis drei Viertel aller Betroffenen tragen aber trotz Akuttherapie mehr oder weniger starke Behinderungen davon", resümiert Elisabeth Fertl, Primaria an der Neurologie der Wiener Rudolfsstiftung. Österreich liegt bei der Intensivversorgung zwar an der Weltspitze, doch in der Langzeitrehabilitation hat man wenig zu bieten. "Es gibt starken Bedarf an spezialisierten Einrichtungen", konstatiert Schmidbauer vor allem deshalb, weil der Lernprozess und damit der Prozess der Neuvernetzung im Gehirn nach zweimonatiger Therapie keineswegs abgeschlossen ist.

In Wien gibt es das Therapiezentrum für halbseitig Gelähmte (THZ), eine Institution, die sich genau darauf spezialisiert hat, die aber, um überleben zu können, zu einem Drittel auf Spendengelder angewiesen ist. "Nach den zwei Monaten Rehabilitation, die von der Pensionsversicherung bezahlt werden, gibt es für Schlaganfallpatienten kaum mehr Angebote," erklärt Günter Lenhart, Gründer des gemeinnützigen Vereins, der das THZ betreibt.

Mit Einschränkung leben

Insgesamt 12 Therapeuten sind hier beschäftigt, Physiotherapeuten arbeiten eng mit Ergotherapeuten und Logopäden zusammen, und auf diese Weise können die diversen Defizite, die durch Schlaganfälle entstehen - etwa Sprachstörungen, motorische Defizite oder kognitive Einbußen - interdisziplinär behandelt werden. "Das ist in Österreich einzigartig und hat sich als überaus erfolgreich erwiesen", sagt Lenhart. Derzeit warten rund 50 Patienten auf die Aufnahme, sie kommen zwei- bis dreimal pro Woche mit dem Fahrtendienst und lernen, wieder zu sprechen, zu gehen, Stiegen zu steigen, sich anzuziehen oder ein Schnittlauchbrot zuzubereiten. "Nicht jeder Patient kann das sofort nach der Akutphase, viele brauchen Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen und sind erst dann zum Lernen bereit", sagt Christine Schreiner, Logopädin am THZ.

Die gute Nachricht: "Es ist bewiesen, dass das Gehirn zu jedem Zeitpunkt Regenerationspotenzial hat", bestätigt Wilfried Lang, Vorstand der Neurologischen Abteilung der Barmherzigen Brüder und Präsident der Schlaganfallgesellschaft in Wien und fordert eine integrative Schlaganfallversorgung. Was er kritisiert: Das starre System der Kostenträger, das die individuelle Versorgung erheblich erschwert. "Physiotherapie privat können sich die wenigsten leisten. Einmal ganz abgesehen davon, dass die wenigsten Physiotherapeutinnen einen Kassenvertrag haben, geht das meiste Pflegegeld von Schlaganfallpatienten in Heimhilfe", sagt THZ-Obmann Lenhart. Was er noch sagt: "Wir schulen auch die Angehörigen, denn auch von ihnen und ihrem Verständnis hängt eine erfolgreiche Rehabilitation ab." (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2008)

Link

thz.at

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    Ein langer Weg zur Rehabilitation: Unmittelbar nach einem Schlaganfall beginnen die überlebenden Nervenzellen mit der Neuvernetzung. Dennoch dauert es oft lange bis Patienten zum Beispiel Finger wieder bewegen lernen.

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