"USA werden als Exporteur vergifteter Finanzprodukte gesehen"

30. September 2008, 11:40
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US-Blogger Steve Clemons über die US-Finanzkrise, den Einfluss neuer Medien auf den Wahlkampf und was sich ändern muss - Ein derStandard.at-Interview

"Ich würde mir wünschen, dass McCain seinen 'inneren Nixon' findet", mein der "Superblogger" Steve Clemons im derStandard.at-Interview. In seinem Blog, "The Washington Note", schreibt der Vordenker über Politik in Washington und kommentiert das Geschehen in den USA. Der nächste Präsident, so Clemons, stehe vor wirtschaftlich und geopolitisch ähnlichen unlösbaren Aufgaben wir damals Richard Nixon Ende der Sechziger.

Clemons glaubt, dass sich die US-amerikanische Außenpolitik auf jeden Fall ändern wird - egal ob McCain oder Obama zum Präsidenten werden. Aber man solle sich auch nicht zu viel erwarten, zu eng sei das Korsett, das einen US-Präsidenten umgibt. Das Interview führten Michaela Kampl und Manuela Honsig-Erlenburg.

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derStandard.at: Ihr Blog, "The Washington Note" beschäftigt sich vor allem mit außenpolitischen Themen. Man hat den Eindruck, dass im US-Wahlkampf die Diskussion auf diese Themen auf Stereotype reduziert ist. McCain betont immer wieder seine Vietnam-Vergangenheit, Obama skandiert auch in der Außenpolitik "Change".

Clemons: Die Herausforderung in der Außenpolitik in diesen unsteten Zeiten ist meiner Meinung nach, dass die USA ihre Stellung in der Welt neu definieren und überdenken muss. Darüber diskutieren John McCain und Barack Obama allerdings nicht. McCain hat aber einen klaren Blick auf die Bedrohungen, denen Amerika seiner Meinung nach gegenübersteht und artikuliert sehr genau, wie er diesen begegnen will. Er denkt strategisch. Barack Obama hingegen hat bisher noch keinen Einblick gegeben, wir er an diese Themen herangehen würde.

derStandard.at: Wird sich die US-amerikanische Außenpolitik verändern, sollte ein Demokrat gewählt werden?

Clemons: Ich denke, dass sich die US-Außenpolitik auf jeden Fall ändern wird - egal wer Präsident wird. Aber wir tendieren dazu, von einem US-Präsidenten viel zu viel zu erwarten. Die wichtigste Aufgabe des Präsidenten ist der Interessenausgleich. Es geht weniger darum, was die Individuen Obama oder McCain denken. Jeder Präsident ist zahllosen Zwängen unterworfen. Und der nächste Präsident wird sich mit drei Hauptthemen herumschlagen müssen: Erstens haben die USA ihren moralische Führungsposition aufgrund der Vorkommnisse in Abu Ghraib und Guantanamo verloren. Zweitens ist das Image der militärischen Supermacht USA durch den Krieg im Irak angekratzt und drittens werden die USA von der Welt als Exporteur vergifteter Finanzprodukte gesehen. Diesen moralischen, militärischen und wirtschaftlichen Führungsanspruch der USA wieder herzustellen - das ist die Aufgabe des nächsten Präsidenten.

derStandard.at: Keine beneidenswerte Ausgangssituation.

Clemons: Die Ausgangssituation erinnert an die Präsidentschaft von Richard Nixon (Anm. republikanischer Präsident von 1969 bis 1974). Er wollte Präsident werden, als es den USA gut ging. Diese Chance hat er nicht bekommen. Er hat gegen Kennedy verloren. Als Nixon dann 1968 doch zum Präsident gewählt wurde, war Amerika in einer weniger guten Situation. Nixons und Kissingers Job war es, die Interessen in einer für die USA ungünstigen Zeit durchzusetzen. Das ist auch die Herausforderung für den nächsten Präsidenten - egal ob Obama oder McCain. McCain ist derzeit härter in außenpolitischen Fragen, als es Nixon damals war. Das überrascht sogar Leute aus seinem eigenen Team. Ich würde mir wünschen, McCain würde seinen "inneren Nixon" finden.

derStandard.at: Sie befürworten einen Wechsel in der US-Außenpolitik hin zu mehr Multilateralismus. Warum?

Clemons: Ich befürworte Multilateralismus nicht des Multilateralismus' wegen. Wir müssen daran denken, wie die Welt in 40 Jahren aussehen wird. Heute reagieren wir nur. Es ist aber wichtig zu planen. Ich würde gerne eine Welt sehen, in der es mehr Liberalismus und Stabilität gibt. Die USA werden keinen hegemoniale Rolle mehr spielen können. Das bedeutet keinen Verlust an Einfluss. Es bedeutet nur, dass dieser Weg nicht die Resultate produzierte, die wir brauchen.

derStandard.at: Würde Multilateralismus nicht auch Machtverlust bedeuten?

Clemons: Das kommt darauf an, was man unter Macht versteht. Wenn man unter Macht versteht, jemanden zu etwas zwingen zu können - dann ja. Aber ich verstehe unter Macht etwas anderes - nämlich jemanden dazu zu verleiten etwas zu tun. Wir sollten multilateraler agieren. Aber das bedeutet nicht, dass wir keinen Einfluss mehr haben.

derStandard.at: Kann Außenpolitik die Präsidentschaftswahlen entscheiden?

Clemons: Der thematische Schwerpunkt dieser Wahlen verlagert sich immer wieder: Einmal sind es Wahlen über die Außenpolitik, dann wieder Wahlen über die wirtschaftliche Situation. Derzeit kann man sich kaum vorstellen, dass es um etwas anderes als Wirtschaft gehen kann. Aber wenn es beispielsweise wieder einen Terroranschlag geben würde, wäre Außenpolitik wieder das dominante Thema. Was ich bei dieser Wahl faszinierend finde ist, dass sich alles immer verändern kann. Obamas derzeitiger Vorsprung wird nicht so groß bleiben, außer McCain macht einen gravierenden Fehler. Aber wir werden sehen - vielleicht ist Sarah Palin schlauer als wir alle glauben.

derStandard.at: Wem vertrauen die Wähler in wirtschaftlichen Fragen?

Clemons: Umfragen zeigen, dass McCain mehr Vertrauen als Obama genießt, wenn es um Militär und Sicherheit geht. Obama ist vorne bei Wirtschaftsthemen. Außenpolisch gibt es in beiden Parteien zwei Lager, die innerparteilich um Einfluss kämpfen.

derStandard.at: "The Washington Note" ist international bekannt. Wer sind Ihre LeserInnen?

Clemons: Mein Publikum ist ein sehr heterogenes. Aber die Leser, die ich tatsächlich erreichen will, sind Politiker und Menschen, die Politik gestalten und prägen. Also Leute im Kongress, im Weißen Haus, im State Department oder in den Think Tanks. Viele, die meine Seite ansurfen sind aber einfach Menschen, die sich für Politik und für die Debatten auf meiner Seite interessieren. Ich sage immer: Das sind Leute, die lesen. Das klingt jetzt blöd, aber ich befürchte, dass das Lesen auszusterben beginnt.

derStandard.at: Wie schaut Ihre Definition von Bloggen dann aus?

Clemons: Mein Blog ist eine Kombination aus schnell hingeworfenen Gedanken und der Bearbeitung von verschiedensten Themen, die mich interessieren. Ich veröffentliche ja auch mitunter in Zeitungen und finde es sehr interessant, dass die mittlerweile meinen Blog als eine Art Nachrichtenquellen benutzen. Begonnen hat das, als ich mich sehr vehement gegen die Nominierung von John Bolton zum UN-Botschafter eingesetzt habe. Der wurde ja, obwohl der Senat ihn als Kandidat nicht bestätigt hatte, von Bush direkt eingesetzt. Ich versuchte damals die Debatte zu beeinflussen und musste mich entscheiden, ob ich das über meinen Think Tank, die New America Foundation tun will, oder über den Blog, mit dem ich viel mehr Menschen erreichen kann.

derStandard.at: Haben die neuen Medien auch einen derart starken Einfluss auf den Wahlkampf in den USA?

Clemons: Ja. Die neuen Medien können dem Wahlkampf von der einen zur anderen Sekunde eine neue Wendung geben. Joe Trippi, Kampagnenmanager von Howard Dean (demokratischer Kandidat der Vorwahlen 2004, Anm.) war für den Wahlkampf im Internet sowas wie die Wright Brothers für die Luftfahrt. Trippi war der Pionier, der damit überhaupt erst begonnen hat. In der Kampagne von Barack Obama starten mittlerweile schon die Jumbo-Jets des Internetwahlkampfes. Vor allem was das Spendensammeln betrifft, ist die Obamakampage erfolgreich. "Gebt uns fünf Dollar", heißt es da mehrmals am Tag per Mail. Die neuen Medien waren zum Beispiel auch für eine Kehrtwende in der Clinton-Kampagne verantwortlich. Ihre Tränen in New Hampshire konnten medial rasend schnell verbreitet werden. Das hat sie wieder ins Rennen katapultiert.

derStandard.at: Sie waren 1993 Berater für den Film "Rising Sun" mit Wesely Snipes und haben auch eine kleine Rolle als Talkshow-Host gespielt. Welche Rolle würden sie in einem Film mit dem Titel "McCain/Obama - The President we've all been waiting for" spielen?

Clemons: Nächstes Jahr bin ich in einem Film namens "State of Play" mit Ben Affleck zu sehen. Es geht um einen Kongressabgeordneten, der eine Affäre mit einer seiner Mitarbeiterinnen hat. Die Frau stirbt im Irak. Die Affäre kommt an die Öffentlichkeit. Ich spiele einen Blog-Journalisten. Mein Blog, The Washington Note, wird sogar im Film vorkommen. Aber ich mag die Rolle die ich derzeit habe. Die Rolle eines Super-Bloggers über Außenpolitik. Ich möchte Politik beeinflussen, so wie es die Zivilgesellschaft idealerweise machen sollte. Ich kümmere mich nicht nur darum wer Präsident ist. Mich interessiert auch wer Undersecretary of State for Political Affairs oder wer nationaler Sicherheitsberater wird. Das sind wirklich wichtige Jobs. Darüber entscheidet üblicherweise nur ein kleiner Kreis. Die Zivilgesellschaft hat darauf kaum Einfluss. Das versuche ich mit meinem Blog zu ändern.

Leute aus dem Obama-Team haben mir erzählt, dass zu der Zeit als über den Vize-Kandidaten entschieden wurde, Senator Evan Bayh der aussichtsreichste Kandidat war. Meiner Meinung nach ist er aber weniger geeignet. Also habe ich geholfen eine Welle von Bedenken über das Internet zu verbreiten. Dann begannen die Medien darüber zu schreiben, dass wir darüber schreiben. Bayh wurde nicht zum Vize. Ich denke zwar nicht, dass wir ihn verhindert haben. Aber ich glaube, wir haben seinen Bestrebungen den Schwung genommen. (Michaela Kampl, Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 30.9.2008)

Zur Person: Steve Clemons Blog, "The Washington Note", gehört zu den beliebtesten in den USA. Hauptberuflich arbeitet Clemons für den renommierten Think Tank New American Foundation. Dort leitet er das American Strategy Program, das neue Optionen für die US-Außenpolitik aufzeigen will.

  • "Mich interessiert auch wer
Undersecretary of State for Political Affairs oder wer nationaler
Sicherheitsberater wird. Das sind wirklich wichtige Jobs. Darüber
entscheidet üblicherweise nur ein kleiner Kreis. Die Zivilgesellschaft
hat darauf kaum Einfluss. Das versuche ich mit meinem Blog zu ändern."
    foto: derstandard.at/honsig

    "Mich interessiert auch wer Undersecretary of State for Political Affairs oder wer nationaler Sicherheitsberater wird. Das sind wirklich wichtige Jobs. Darüber entscheidet üblicherweise nur ein kleiner Kreis. Die Zivilgesellschaft hat darauf kaum Einfluss. Das versuche ich mit meinem Blog zu ändern."

  • "Leute aus dem Obama-Team haben mir erzählt, dass zu der Zeit, als
über den Vize-Kandidaten entschieden wurde, Senator Evan Bayh der
aussichtsreichste Kandidat war. Meiner Meinung nach ist er aber weniger
geeignet. Also habe ich geholfen eine Welle von Bedenken über das
Internet zu verbreiten. Dann begannen die Medien darüber zu schreiben,
dass wir darüber schreiben. Bayh wurde nicht zum Vize."
    foto: derstandard.at/honsig

    "Leute aus dem Obama-Team haben mir erzählt, dass zu der Zeit, als über den Vize-Kandidaten entschieden wurde, Senator Evan Bayh der aussichtsreichste Kandidat war. Meiner Meinung nach ist er aber weniger geeignet. Also habe ich geholfen eine Welle von Bedenken über das Internet zu verbreiten. Dann begannen die Medien darüber zu schreiben, dass wir darüber schreiben. Bayh wurde nicht zum Vize."

  • "Nächstes Jahr bin ich in einem Film namens "State of
Play" mit Ben Affleck zu sehen."
    foto: derstandard.at/honsig

    "Nächstes Jahr bin ich in einem Film namens "State of Play" mit Ben Affleck zu sehen."

  • "McCain ist derzeit härter in außenpolitischen Fragen, als es
Nixon damals war. Das überrascht sogar Leute aus seinem eigenen Team.
Ich würde mir wünschen, McCain würde seinen "inneren Nixon" finden."
    foto: derstandard.at/honsig

    "McCain ist derzeit härter in außenpolitischen Fragen, als es Nixon damals war. Das überrascht sogar Leute aus seinem eigenen Team. Ich würde mir wünschen, McCain würde seinen "inneren Nixon" finden."

  • "Wir tendieren dazu,
von einem US-Präsidenten viel zu viel zu erwarten."
    foto: derstandard.at/honsig

    "Wir tendieren dazu, von einem US-Präsidenten viel zu viel zu erwarten."

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