Niederösterreich: Erosionserscheinung im schwarzen Kernland

28. September 2008, 21:56
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In Erwin Prölls Niederösterreich behielt die ÖVP die Nase vorn - aber nur ganz knapp

"Der Wähler weiß schon, was er tut. Die Bundesregierung hat eineinhalb Jahre lang auf Teufel komm' raus gestritten. Das ist die Grundlage der Unzufriedenheit": Heftig und ernst fiel die Reaktion des niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll (ÖVP) auf die hohen Verluste von ÖVP und SPÖ bei massiven Gewinnen von FPÖ und BZÖ aus.

Tatsächlich hat sich in Niederösterreich der Stimmenanteil der Freiheitlichen im Vergleich zur Nationalratswahl 2006 auf rund 18 Prozent fast verdoppelt. Zusammen mit dem BZÖ (6,5 Prozent) kommen die rechten Fraktionen im Land unter der Enns damit auf ein besseres Ergebnis, als sie die "alte" FPÖ vor ihrer Spaltung je erreichte. 1999 hatte die Haider-Partei mit 22,46 Prozent ihr Höchstergebnis eingefahren.

FPÖ-NÖ-Spitzenkandidat Walter Rosenkranz sah in einer ersten Reaktion "dennoch keinen Grund, mit dem BZÖ auf Bundesebene zusammenzuarbeiten". Die Freiheitlichen hätten jetzt vielmehr die Möglichkeit, "aus der Oppositionsrolle heraus zuzuschauen, ob im Fall eines Revivals der großen Koalition die Wähler-Lektion gelernt wurde".

Schlechtestes ÖVP-Ergebnis

Stimmenstärkste Partei nach dem Urnengang ist in Niederösterreich die ÖVP, wenn auch mit einem Verlust von über sieben Prozent: Das schlechteste Ergebnis, das sie in diesem Land je einfuhr. Zwar hat sie hier als eines von vier Bundesländern immer noch die Nase vorn. Doch das Antreten von Umweltminister Josef Pröll als Spitzenkandidat, von manchen als Alternativangebot zu Bundesspitzenkandidat Wilhelm Molterer dargestellt (siehe Artikel unten), hat nur begrenzt gewirkt.

Zwar konnten die Schwarzen ihren Vorsprung vor der SPÖ bei einer Nationalratswahl, den sie 1999 erstmals in der Zweiten Republik errungen haben, zum dritten Mal halten. Doch sogar im bäuerlichen, traditionell VP-dominierten Bezirk Gmünd verlor die Molterer-Partei 4,6 Prozent und kam nur auf 36,6 Prozent der Stimmen.

Und so brach sich der Ärger über die hohen VP-Verluste zuerst in Niederösterreich die Bahn. "Es reicht uns mit Wilhelm Molterer als Parteiobmann", verkündete Bettina Rausch, Landesobfrau der Jungen VP, bereits am Sonntagnachmittag. Josef und Erwin Pröll gaben sich zurückhaltender. Man müsse jetzt "einen kühlen Kopf bewahren", sagten Onkel und Neffe.

Für den SPÖ-Spitzenkandidaten Hannes Fazekas war es zu diesem Zeitpunkt "das Allerwichtigste, dass wir auf Bundesebene Stärkste geworden sind". Zudem habe "die SPÖ in Niederösterreich während der vergangenen Monate tüchtig aufgeholt". Damit sprach er das im Vergleich zur Landtagswahl weitaus bessere rote Ergebnis an: Damals hatte die SPÖ 25 Prozent der Stimmen erreicht, die ÖVP 54. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.9.2008)

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