Kopf des Tages: Die späte Rache des Untoten aus Kärnten

28. September 2008, 20:52
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Die große Koalition holte Jörg Haider zurück auf die Bundesbühne

Er hat es geahnt. Dieses Hinaufziehen des linken Mundwinkels, das seinem Gesicht diesen süffisanten Ausdruck verlieh, als er in der TV-Runde zu ÖVP-Chef Wilhelm Molterer hinüberblickte, konnte man durchaus so deuten, dass er die Stunde der Vergeltung gekommen sah. Wann, wenn nicht jetzt, kann er es Wolfgang Schüssel, der ihn als VP-Kanzler fast ums politische Leben gebracht hatte, heimzahlen.

Die katastrophale Performance der großen Koalition hat dem politischen Untoten aus Kärnten wieder den Boden für eine Rückkehr auf die Bundesbühne geebnet. Und sie führte den Polit-Selbstdarsteller direkt ins TV-Studio. Der Demagoge Haider hatte nur diese eine Chance der TV-Duelle - und die nützte er. Sogar mit einem Stunden zuvor operierten Bauch. Haider, "der Tapfere": eine Facette mehr seines Chamäleon-Daseins.

Haider geistert mittlerweile seit Jahrzehnten durch die Politik wie Woody Allens Figur des Zelig, der sich mental und körperlich der jeweiligen Umgebung angleicht. Ist Haider bei den Altrechten am Ulrichsberg, tanzt er im braunen Anzug an, kommt er in die Stadt, schmeißt er sich in Designerklamotten, und wenn er nächtens mit seinen Youngsters in Diskos herumkurvt, gibt sich der 58-Jährige hip.

Ideologisch hat Haider eine weite Reise hinter sich, wiewohl er immer wieder zu seinen alten Gedenkstätten zurückkehrt. Sozialisiert wurde er im deutschnationalen Milieu. Als 16-Jähriger nahm er an einem Redewettbewerb des Turnerbundes teil - in Innsbruck, wo er Jahre später, 1986, mit Hilfe des nationalen Flügels die FPÖ übernahm. 1989 wurde Haider Kärntner Landeshauptmann, 1991 kippten ihn SP und VP nach seinem Ausspruch über die "ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" aus dem Amt, das er seit 2004 wieder bekleidet. Heute gibt er sich als moderner Reformer.

1999 wurde die FPÖ zweitstärkste Partei. Dieser Triumph läutete auch schon seinen Abstieg ein. Haider unterschätzte den Machiavellisten Wolfgang Schüssel, den er zum Kanzler gemacht hatte, der ihn aber immer mehr von der Macht wegdrängte.

Die FPÖ riss entzwei, Haider gründete das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), ein Parteikonstrukt, das nur in Kärnten funktionierte. Bundesweit blieb es an der parlamentarischen Wahrnehmungsgrenze.

Haider träumt nun von einer Re-Union von BZÖ und FPÖ, die zusammen als Rechtspartei bereits stärker sind als die ÖVP. Die späte Rache des Jörg H. (Walter Müller/DER STANDARD Printausgabe 29.9. 2008)

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