Bruno Latour erhielt Siegfried Unseld Preis

28. September 2008, 20:09
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Philosoph für sein Agieren als "Erneuerer und Grenzgänger" mit 50.000 Euro honoriert

Frankfurt/Main - Bruno Latour ist am Sonntag in Frankfurt mit dem Siegfried Unseld Preis geehrt worden. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung gehe an einen der großen Erneuerer der Sozialwissenschaften, sagte die Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags, Ulla Unseld-Berkéwicz. Als Grenzgänger zwischen Natur- und Geisteswissenschaften habe Latour die Mechanismen moderner Wahrheitsproduktion untersucht. Der 61-jährige französische Soziologe und Philosoph dankte für die umfassende und stimulierende Unterstützung des intellektuellen Lebens in Deutschland, von der er schon früh profitiert habe.

Philosoph Peter Sloterdijk sprach in seiner Laudatio von einem guten Tag für die Philosophie. Latour gehöre zu den weltweit meistzitierten Autoren auf seinem Gebiet. "Er widmet seine intellektuelle Energie der Frage, warum gelingt etwas", sagte Sloterdijk. Latours kaum noch überschaubare Arbeiten seien die "Hebung der Philosophie auf die Spitze des Gegenwärtigen".

"Coming out als Philosoph"

Latour ist Professor an der Elitehochschule Sciences Po in Paris. Seine Bücher sind in mehr als 20 Sprachen erschienen. Er selbst verstehe sich als empirischer Philosoph, sagte er in seiner Dankesrede mit dem Titel "Coming out als Philosoph". Latour hat die Arbeitsweisen von Wissenschaft und Technik untersucht. Er steht durch das Einbeziehen der Wechselwirkung zwischen nicht-menschlichen Dingen und Menschen in seine Theorien für eine neue Sicht auf Umwelt und Gesellschaft. Latour kündigte an, er wolle seine Arbeit künftig um Fragen der Globalisierung erweitern.

Bruno Latour beschäftigt sich in seinen Büchern mit der Arbeit von Wissenschaftlern ebenso wie mit dem Projekt einer führerlosen U-Bahn oder der Justiz. Immer aber fragt der 1947 geborene Latour, wie Tatsachen und Gewissheiten entstehen. In den 1990er Jahren geriet er so in den "Krieg der Wissenschaften". Naturwissenschaftler empfanden es als Angriff auf ihren Anspruch objektiver Erkenntnis, dass Soziologen wie Latour ihre Mechanismen der Wahrheitsproduktion erkundeten. Latour betonte, er beschreibe nur die Fähigkeit wissenschaftlicher Netzwerke, Objektivität hervorzubringen.

Der zum dritten Mal von der Siegfried Unseld Stiftung verliehene Preis ist nach dem 2002 gestorbenen Suhrkamp-Verleger benannt. Er wird seit 2004 alle zwei Jahre immer am Geburtstag Unselds an Schriftsteller und Wissenschaftler vergeben. Am Sonntag wäre Unseld 84 Jahre alt geworden. Vor Latour hatten den Preis der österreichische Autor Peter Handke (2004) und die dänische Dichterin Inger Christensen (2006) erhalten. (APA/dpa)

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