Als der deutsche Terror nach Österreich kam

28. September 2008, 19:22
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Ein toter Terrorist, ein entführter Großindustrieller und eine neue Sondereinheit der Polizei: _Die Geschichte der Rote Armee Fraktion in Österreich endete erst vor neun Jahren.

Wien - Manchmal weckt ein Kinofilm plötzlich Erinnerungen. Auch bei Polizisten. Der aktuelle Streifen „Der Baader Meinhof Komplex" ist so ein Film. Denn die Rote Armee Fraktion raubte und mordete nicht nur in Deutschland. Auch in Österreich waren die linksextremen Terroristen, die sich selbst als Guerilleros sahen, und ihre Gesinnungsgenossen aktiv. Manche Entwicklungen wirken bis heute nach.

Erst vor neun Jahren, am 15. September 1999, endete dieses Terrorkapitel in Österreichs Kriminalgeschichte - mit einem Schusswechsel in Wien-Donaustadt, an dessen Ende der 43-jährige Horst Ludwig Meyer tot auf der Donaufelder Straße lag und ein Beamter der Wiener Spezialeinheit Wega mit zwei Schusswunden im Bein ins Krankenhaus gebracht wurde. Überlebt hat den Einsatz Meyers Begleiterin Andrea Klump.

Ausgelöst wurde der Einsatz durch eine Augenzeugin. Die hatte ein verdächtiges Paar in der Wagramer Straße gemeldet. Ein Funkwagen wurde losgeschickt, um den Mann und die Frau zu kontrollieren. Die Streifenwagenbesatzung erlebte dabei eine Überraschung. Statt des Ausweises zückte Meyer plötzlich eine Pistole der Marke Beretta und nahm der Polizistin ihre Dienstwaffe ab, ehe er mit seiner Komplizin flüchtete.
Die Exekutivbeamtin alarmierte die Wega und verfolgte die Flüchtenden auf einem Motorrad. Einige hundert Meter weiter kam es zum blutigen Ende. Meyer schoss mit seiner eigenen Waffe ebenso wie mit der erbeuteten und traf einen Polizisten, ehe er selbst mit einem Brustdurchschuss tot zusammenbrach. Klump ließ sich festnehmen, nachdem sie ein Springmesser weggeworfen hatte.

Wussten nicht, wer Toter war

„Nachdem der Tod von Meyer bekannt geworden ist, hieß es dann schnell, es sei eine Hinrichtung gewesen", erinnert sich einer der beteiligten Beamten. „Dabei wussten wir am Anfang gar nicht, wer der Tote überhaupt war." Für die Polizei sah es nämlich zu Beginn nach einem vereitelten und eskalierten Raubüberfall aus. „Wir wurden erst am späten Nachmittag von den Vorgesetzten angerufen und gefragt: ,Wisst ihr eigentlich, dass ihr einen RAF-Mann erwischt habt?‘"
Meyers Lebensgefährtin Andrea Klump wurde in zwei Prozessen in Deutschland schließlich wegen zwei Sprengstoffanschlägen in Spanien und Budapest zu neun beziehungsweise zwölf Jahren Haft verurteilt. Den Vorwurf, sie sei Mitglied der RAF, hatte die Bundesanwaltschaft aber während der Verfahren fallengelassen. Ein Verfahren in Österreich gab es nicht.

Ob das Duo 1996 auch für den Überfall auf eine Mondo-Filiale in Wien-Margareten verantwortlich war, bei dem Meyers Pistole benutzt worden war, wurde nie geklärt.
Zwei Geldbeschaffungsaktionen für die RAF und ihr Umfeld endeten im Wien der 70er-Jahre mit Verhaftungen. Am 12. Dezember 1976 hatte ein Trio eine Bank bei der Oper überfallen und mehrere 100.000 Schilling erbeutet. Erwischt wurde Waltraud Boock, die zur „zweiten Generation" der RAF gehört hat. Wahrscheinlich überfiel Boock mit zwei Männern schon am 12. November die Bezirkshauptmannschaft Landeck in Tirol, wo sie Pässe, Ausweise und Waffenscheine erbeuteten.

31 Millionen Lösegeld

Der aufsehenerregendste Fall ereignete sich ein knappes Jahr später. Drei Wiener Studenten entführten am 9. November 1977 den Textilindustriellen Walter Palmers vor seinem Haus in Wien-Währing. Über vier Tage lang wurde er in einer konspirativen Wohnung gefangengehalten, ehe er für 31 Millionen Schilling (2,25 Millionen Euro) Lösegeld freigelassen wurde. Der Großteil des Geldes soll an die RAF und an die „Bewegung 2. Juni" geflossen sein, die Täter wurden zwei Wochen nach der Entführung gefasst.
Diese Fälle führten ebenso wie der „Deutsche Herbst" im Jahr 1978 schließlich zur Gründung der „Cobra", die ursprünglich eine reine Anti-Terror-Einheit war und erst später zu einer allgemeinen Sondereinheit geworden ist. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2008)

 

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    In ihrem Logo hatte die RAF ein AK47-Sturmgewehr, ihr Mitglied Horst Ludwig Meyer schoss 1999 mit dieser Beretta in Wien auf Polizisten. Nicht der einzige Auftritt der Terrororganisation in Österreich.

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