CSU-Spitze bleibt trotz Debakels vorerst im Amt

29. September 2008, 18:28
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Erst ein Sonderparteitag im Oktober wird über die künftige Führung der CSU entscheiden

Trotz der historischen Wahlniederlage will in der CSU vorerst niemand zurücktreten. Erst ein Sonderparteitag soll die Weichen stellen. Bis dahin wird mit FDP und Freien Wählern über eine Koalition verhandelt.

Berlin/München – Hurtig fährt am Montag ein Dienstwagen nach dem anderen vor der CSU-Zentrale in München vor. Ebenso rasch wie die Autos heranfahren, hasten CSU-Chef Erwin Huber, seine Generalsekretärin Christine Haderthauer und Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) ins Haus. Das Debakel des Vortages (mehr als 17 Prozentpunkte minus) erklären derweil andere wortreich. "Das war kein Wahlkampf, das war ein Flachkampf" , schimpft der streitbare Landtagsabgeordnete Ludwig Spaenle.

Und auch CSU-Vize Horst Seehofer, der außerdem in Berlin Bundesverbraucherminister ist, lässt sich nicht lange bitten. "Das hat noch das Jahr 1998 übertroffen, als Helmut Kohl als Bundeskanzler abgewählt wurde.Die Dimension dieser Katastrophe ist deutlich höher" , sagt er in die vielen Mikrofone der wartenden Journalisten. Diese haben ohnehin schon Wetten abgeschlossen: Dass Seehofer aus der Sitzung als designierter CSU-Chef wieder herauskommen wird. Weil Huber zurücktreten muss und Generalsekretärin Haderthauer gleich mit ihm.

Nahrung bekommen diese Gerüchte durch Aussagen von Fraktionschef Georg Schmid. "Auch die personelle Frage muss diskutiert werden" , meint er. Und dann setzt der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber, der ausgerechnet an diesem schwarzen Wahlsonntag seinen 67. Geburtstag feierte, noch eines drauf:"Das ist keine Watsch'n oder ein Denkzettel. Das ist eine Zäsur und der bitterste Moment in meinem politischen Leben."
In der Sitzung selbst wird als Erstes der Kopf von Haderthauer gefordert, die ja für den Wahlkampf verantwortlich war. Doch es bleibt bei der Forderung, Huber und Beckstein wollen sie halten – und sich selbst auch. Nach der Sitzung ist von einer "sachlichen Atmosphäre" die Rede, nicht aber von personellen Konsequenzen.

Start für Aussprache

"Wir haben heute den Start gegeben für eine gründliche, intensive Aussprache" , erklärt Huber. Ob er denn nicht zurücktrete, wird er gefragt. Seine Antwort: "Es gibt kein Gegeneinander, sondern den Willen zur Geschlossenheit." Auch Beckstein macht weiter, wenngleich er betont: "Ich klebe nicht an meinem Amt" . Abgesehen von einer Krisensitzung nach der anderen in der eigenen Partei, wird ihn in den kommenden Wochen die Koalitionsbildung beschäftigen. Gespräche will er mit der FDPund den Freien Wählern führen. Dabei dürfe das Eintreten für Patriotismus und Heimat nicht "auf dem Altar einer Koalition" geopfert werden, zudem müsse das wertkonservative Profil der CSU auch in einer künftigen Koalition deutlich erkennbar sein, sagt Beckstein.

Erst am 25. Oktober soll ein Sonderparteitag in München die personellen Weichen stellen. Anwärter auf Posten gibt es jedenfalls genug: Seehofer würde nur zu gerne vom CSU-Vize zum CSU-Chef aufsteigen und möglicherweise sogar Beckstein als Ministerpräsident beerben. Als Anwärter auf diesen Job gelten aber auch Innenminister Joachim Herrmann, Fraktionschef Schmid und Europaminister Markus Söder, der unter Stoiber Generalsekretär war. Apropos Stoiber: Der will sich nun auch wieder stärker in die CSU-Politik einbringen. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2008)

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    So sehen Verlierer aus: Ministerpräsident Günther Beckstein (rechts) und CSU-Chef Erwin Huber.

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