"Wenn ich mal groß bin..."

29. September 2008, 19:48
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Spar möchte mit seiner aktuellen Kampagne durch frühzeitige Verankerung von Geschlechterstereotypien Jobsuchende für Spar begeistern

"Wenn ich einmal groß bin, will ich Kinder haben und Arbeiten". Das wünschen sich zwei kleine Mädchen, kräftig in Schüsseln rührend und bereits mit Muttis Modeschmuck als "große Dame" verkleidet.
"Wenn ich einmal groß bin, will ich der Chef sein", wünscht sich dagegen ein kleiner Bub, der lässig im Baum hängt.
In verschiedenen Sujets soll uns näher gebracht werden, was sich Kinder für ihre Zukunft wünschen. Noch weit vom "Genderwahnsinn" entfernt, äußern die lieben Kleinen doch nur, wonach sie sich sehnen! Aber was war wohl zuerst da? Der naive Kinderwunsch nach diesem oder jenem Leben? Oder zu sehen und zu erleben, was Mädchen oder Bub sich wünschen darf?

Wunsch nach Realität?

Die Erwachsenen, die die Kinder sein wollen, gibt es in der realen Welt zu genüge: Die Frau arbeitet im Einzelhandel an der Wursttheke oder an der Kassa, hat Kinder, ist nicht selten allein erziehend, und - ganz so wie es die beiden Mädchen darstellen - hat sie natürlich auch das Vergnügen, tagtäglich für die Familie zu kochen. Mutti arbeitet schließlich nur Teilzeit. Auch der Zukunftswunsch des Buben ist kein Griff nach den Sternen. Ein Blick in den Einzelhandelsladen ums Eck genügt, um festzustellen, dass einer der wenigen männlichen Mitarbeiter auch der Filialleiter ist. Durchwegs realistisch ist es auch, dass in den Zukunftsvisionen der männlichen Sprösslinge die Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine Rolle spielt. Schließlich ist es heute auch noch in "modernen Familien" gang und gäbe, dass die Mutter arbeitszeitlich zurücksteckt, weil Vati schließlich jadoch etwas mehr verdient - denn der ist "Chef" von Beruf.

Kein Interesse?

Die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen gestaltet sich nach wie vor zu einem großen Teil aufgrund von sozialen Gegebenheiten und nicht auf Basis von Interessen oder Wünschen. 41 Prozent der Frauen und 8 Prozent der Männer arbeiten in Österreich Teilzeit. Das bedeutet aber auch geringeren Verdienst sowie sehr beschränkte Karrierechancen für Frauen. Angesichts dieser Aufteilung, die auch auf die Rollenverteilung innerhalb der Familien schließen lässt, wäre für ein (innovatives) Unternehmen wohl eine Kampagne angebrachter, die vermittelt, dass es eben nicht allein Aufgabe der Frauen ist, sich um Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu kümmern. Denn: Frauen haben kein ihnen immanentes Interesse an der Organisation von diesen beiden Bereichen - schon gar nicht im Kindesalter.

Aber genau das will uns Spar mit massenhaft Geschlechterstereotypien und romantisierten Bildern von der traditionellen Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern glauben machen. Und dabei wäre es so einfach, mehr Vielfalt darzustellen. Mädchen sollten auch für andere Lebensentwürfe jenseits der "alles unter einen Hut bringenden Frau" begeistert werden, und junge Männer sollten es auch als ihr Problem sehen, wenn sie "Chef" sein und Kinder haben wollen. Die Kampagne von Spar hilft auf dem Weg dorthin überhaupt nicht weiter und dafür gibt es eine Zitrone. (beaha, dieStandard.at, 29.9.2008)

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