Oxford, ein Dorf im Debattenfieber

27. September 2008, 10:51
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Ein Ort mit zwei Seelen - Ausschreitungen vor 46 Jahren wegen der Aufnahme eines schwarzen Studenten prägen bis heute das Bild des Unistädtchens als Bollwerke des Rassismus - Alexander Joskowicz aus Oxford

Oxford, Mississippi, das Universitätsstädtchen, in dem die erste US-Präsidentschaftsdebatte stattgefunden hat, ist ein Ort mit zwei Seelen. Zum einen hat Oxford und die hier beheimatete University of Mississippi eine problematische Geschichte, die nicht vergehen will. Vor ungefähr 46 Jahren, am 1. Oktober 1962 wurde zum ersten Mal ein schwarzer Student, James Meredith, an der Universität aufgenommen. Meredith konnte die Universität am ersten Tag seines Studiums nur mit massivem Polizeischutz betreten. In den darauf folgenden Ausschreitungen, die bis heute das Bild von Mississippi und Oxford als Bollwerke des Rassismus prägen, starben zwei Menschen. Dass die erste Präsidentschaftsdebatte mit einem schwarzen Kandidaten gerade an diesem Ort stattfindet, ist daher sowohl für die USA als auch für das 15000 Einwohner Städtchen Oxford von großer Bedeutung.

Im "tiefen Süden"

Kommentatoren aus den USA und dem Ausland haben diesen Umstand erkannt. Deshalb ist Marvin, einer meiner Kollegen an der University of Mississippi, an der ich seit einem Monat europäische Geschichte lehre, auch ein sehr gefragter Mann. Marvin ist Politikwissenschafter und forscht zum US-Parteisystem und zu Schwarzen in der amerikanischen Politik. Ebenso wichtig für seine Popularität mit Medienvertretern ist, dass Marvin ein schwarzer Professor an einer Universität im „tiefen Süden" der USA ist. Er ist gleichzeitig ein anerkannter Experte und ein Symbol dafür, dass sich Mississippi und die Universität verändert haben.

Hat sie das wirklich? Die Antwort, die Marvin Medienvertretern gibt ist jener ähnlich, die auch der Präsident der Uni gibt: Es ist viel passiert seit den 1960ern und wir sind weit gekommen, aber es ist auch noch viel zu tun. Zumindest wenn man der Universitätsverwaltung und den Medien glaubt, ist Obamas Anwesenheit in der Debatte ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Einhellig liest man in den lokalen Medien, dass dies ein historisches Moment sei auf dem langen Weg in eine entsegregierte, post-rassistische Gesellschaft.

Oxford "weiß" zu feiern

Doch alle diese Kommentatoren vergessen die zweite Seele von Oxford. Wie kaum ein anderer Ort, weiß Oxford zu feiern (und zwar „weiß" zu feiern). Seit den 1980ern haben die reichen Absolventen der Universität angefangen, sich Zweithäuser in Oxford zu kaufen, um bei den Football-Spielen der Universitätsmannschaft dabei sein zu können. Durch die neue Flut an Kapital wurde Oxford, das zuvor primär als Wohnort von William Faulkner bekannt war, zu einem Mekka für Feinschmecker und Kulturtouristen im amerikanischen Süden. Kaum ein Städtchen mit 15 000 Einwohnern kann eine solche Dichte an Restaurants und Bars vorweisen. Nicht umsonst wurde die University of Mississippi mehrfach von Zeitschriften zur Partyuniversität Nummer Eins gewählt.

Das zeigt sich besonders an Wochenenden, an denen die Footballmannschaft ein Heimspiel hat. An solchen Samstagen kommen zehntausende Fans in die Stadt und bauen auf einer zentralen Wiese der Universität Zelte auf, in denen es üppige Büffets, Flachbildschirme, auf denen andere Footballspiele übertragen werden, und manchmal sogar Plastikkronleuchter zur Dekoration gibt. Die Frauen haben Abendkleider und Stöckelschuhe an und die Männer tragen ihren besten Anzug. Hier feiert sich der Süden und insbesondere der weiße Geldadel des Staates. Es ist nicht zu übersehen, dass rassistische Strukturen sich gerade dort am hartnäckigsten halten, wo alle scheinbar eine gute Zeit haben. Nur wenige schwarze Studenten verirren sich in diese Umgebung.

Konsum statt Konfrontation

Was hieß das für die Präsidentschaftsdebatte in Oxford? Wie ging die historische und hedonistische Seele von Oxford mit diesem Ereignis um? Als ich heute zu den zwei Großbildschirmen auf der Universität und am Marktplatz im Stadtzentrum gegangen bin, entdeckte ich, dass Oxford das getan hat, was es am besten macht: es hat alle Konfrontationen mit seiner von Rassismus geprägten Geschichte und Gegenwart beiseite gelassen und einfach gefeiert. Selbstverständlich wurde allseits über Politik gesprochen, aber es war schwierig die Stimmung von jener, die an einem Footballswochenende herrscht, zu unterscheiden. Einige Straßenhändler haben sich bemüht Obama-T-Shirts an die kaufwillige Kundschaft zu bringen, aber auch das hat nur die Jahrmarktstimmung im Ort verstärkt. Während Kommentatoren dies noch lange als symbolischen Schritt zur Überwindung alter rassistischer Strukturen feiern werden, hatte Oxfords Bevölkerung in erster Linie einen weiteren Anlass ihre Campingstühle irgendwo aufzustellen, gut zu essen und zu trinken. Während Diskussionen über die Geschichte der Sklaverei und die Armut der schwarzen Bevölkerung von Mississippi zu unangenehmen Konfrontationen führen können, war die Präsidentschaftsdebatte primär ein positives Konsumereignis. Nach einem Tag voller Fernsehinterviews hat sich so auch Marvin schließlich zu Freunden in die Bar gesetzt und sein verdientes Bier getrunken. Wir hatten alle selten einen so bequemen historischen Tag. (Alexander Joskowicz, derStandard.at, 27.9.2008)

Zur Person: Der Wiener Alexander Joskowicz ist Professor für Europäische Geschichte an der University of Mississippi in Oxford. Vor zirka sieben Jahren ging er in die USA um an der University of Chicago sein Doktorat zu machen. Sein Arbeitsgebiet ist moderne deutsche, französische und jüdische Geschichte.

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