Zwischen Stöcken und Reben

27. September 2008, 17:00
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In Österreich gibt es noch eine Vielzahl an ungenutzten Kellerstöckln und Presshäusern. Mit wenig Aufwand lassen sich die alten Weingemäuer adaptieren

Mühsam wird es nur, wenn die Feuchtigkeit überhandnimmt.

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Reife Trauben hängen an der Rebe und warten darauf, gepflückt zu werden. Nicht für alle Weinleser - ob beruflicher oder rein helfender Natur - heißt es am Ende des Tages zwangsweise, den Weingarten zu verlassen und zurück in die Stadt zu fahren. Denn immer mehr Menschen entdecken den Charme von Weinkellern und Presshäusern und adaptieren die alten Gemäuer zu Wohn- und Arbeitszwecken.

Auch der in New York lebende Grafiker Klaus Kempenaars entschied sich zu diesem Schritt und kaufte im steirischen Sausal bei Pistorf einen Grund, auf dem er gelegentlich ein verlängertes Wochenende oder den Urlaub verbringt, wenn er gerade in Europa weilt. "Zufällig habe ich davon erfahren, dass der 5000 Quadratmeter große Grund für 15.000 Euro zum Verkauf angeboten wurde. Da kann man einfach nicht Nein sagen!"

An einem Geländesprung direkt an der Straße befand sich ein altes gemauertes Kellerstöckl mit hölzernem Aufbau. Nachteil: Ohne Bücken konnte man den Raum nicht betreten. Gemeinsam mit den in Graz ansässigen yes-Architektinnen entschied sich der Bauherr daher zum Abbruch des Holzbaus. "Das Kellerstöckl wollte ich allerdings so behalten, wie es ist", sagt der Bauherr, "hier habe ich meinen Weinkeller, und hier halte ich mich auf, wenn ich Freunde einlade."

Vertikale Lärchenlattung

Die Parzelle befindet sich im Landschaftsschutzgebiet. Material und Dachform waren daher streng vorgeschrieben. "Im Grunde entspricht der neue Aufbau in der Kubatur dem alten Schuppen", erklärt Architektin Marion Wicher. "Aus verkehrstechnischen Gründen haben wir allerdings den Kompromiss geschlossen, den gesamten Neubau um zwei Meter von der Straße abzurücken."

Der schlichte Aufbau aus Holz ist ganz bewusst an die traditionellen, in dieser Region häufig anzutreffenden "Woazstriezltrockner" angelehnt. "Das sind jene Holzhütten, in denen früher Kukuruz zum Trocknen aufgehängt wurde", sagt Wicher. Eine vertikale Lärchenlattung umgibt das Haus, innen befindet sich ein 40 Quadratmeter großer Einraum mit allem, was man fürs kurzfristige Wohnen braucht: Kachelofen, Küche und Bad.

Die Sanierung alter Bausubstanz kann sehr mühsam sein. In diesem Fall war der Vorteil, dass Alt und Neu voneinander klar getrennt waren. "Die Feuchtigkeit des Weinkellers war für uns kein Problem", so Wicher. "Das Gewölbe wurde neu aufgeschüttet, und bei so viel Dämmung zum unteren Raum hin konnten wir uns ganz auf alte Baumethoden konzentrieren."

Kampf der Kellerfeuchte

Ebenfalls in der Südsteiermark liegt ein altes Presshaus, das von Architekt Volker Giencke umgebaut wurde. "Das war ein ganz simples Projekt", sagt Giencke, "einige alte Bretter in der Fassade wurden entfernt und durch Glasscheiben ersetzt." Ansonsten wurde der Holzbau wärmegedämmt. Um die Feuchtigkeit vom Kellerstöckl am Aufsteigen zu hindern, wurde eine bitumenkaschierte Aluminiumfolie eingezogen.

Nicht immer habe man mit der Mauer- und Bodenfeuchte so viel Glück, sagt der Architekt. In manchen Regionen Österreichs treffe man häufig auf sogenannte Wasserlinsen. Das sind jene Grundwasserblasen, die sich zwischen zwei Lehmschichten einlagern. Hat man mit erhöhtem Grundwasserdruck in der Baugrube zu tun, kann dies das Projekt erheblich verteuern.

Diese Erfahrung machte auch das Büro Halbritter & Hillerbrand. In Neusiedl am See revitalisierte es einen 130 Meter langen Streckhof, dessen älteste Bauteile bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. "Das Ensemble steht unter Denkmalschutz", erklärt Architekt Herbert Halbritter, "doch manche Teile des Gebäudes waren nicht zu retten." Die Sanierung sei sehr mühsam gewesen. "In dem Moment, wo man im Bau gegen wasserführende Schichten ankämpfen muss, wird das Projekt sehr aufwändig."

Der Qualität des "Weinwerks", wie das Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum mitsamt Bibliothek und Vinothek heute heißt, tut dies keinen Abbruch. Perfekt fügen sich Alt und Neu zu einem stimmigen Ganzen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.9.2008)

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