Was Wähler wirklich wollen.

26. September 2008, 21:35
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Warum die andauernde Klage über "zu viel Emotion" und "zu wenig Inhalt" im Wahlkampf ins Leere geht. Wie "Apparatschiks" funktionieren. Und was das alles mit Van der Bellens Bartstoppeln zu tun hat - Von Isolde Charim

Im Kino läuft derzeit eine erstaunliche Werbung: Man sieht Leute jeglichen Alters, die plötzlich aufschauen. Etwas zieht offensichtlich an ihnen vorbei, etwas, das sie selig lächeln macht und ihnen einen Bart sprießen lässt. Das letzte Bild zeigt den lächelnden Alexander Van der Bellen mit ebendiesem Bartwuchs. Die Werbung zeigt deutlich und etwas unfreiwillig, woran es in diesem Wahlkampf mangelt: an eben so einem erhellenden, an einem Glücksgefühl.

Das ist keineswegs selbstverständlich. Denn wir sind es gewohnt, Demokratie als rationale Veranstaltung zu sehen, bei der einzig der Populismus auf Emotionen abzielt. Als ob wir die rationale Diskursgemeinschaft wären, von der die liberale Demokratietheorie träumt. Aber Wahlkampf ist ein Schauspiel und braucht Emotionen! Das bedroht nicht die Demokratie. Auch eine rationale Ordnung bedarf eines emotionalen Bezugs. Nicht des Ressentiments - dafür ist tatsächlich der Populismus zuständig. Aber die demokratische Entscheidungsfindung ist angewiesen auf die Erzeugung von Emotionen wie Vertrauen, Zutrauen, Hoffnung, Überzeugung - nicht nur inhaltliche, auch den Glauben, dass man mit einer bestimmten Politik wirklich gemeint ist. Die Differenz Demokratie/ Populismus liegt also nicht daran, ob, sondern welche Emotionen mobilisiert werden. In diesem Sinne ist Wahlkampf das öffentliche Umwerben irrationaler Regungen. Und die ständigen Rufe nach Inhalten, nach mehr sachlicher Auseinandersetzung und weniger Personalisierung gehen an der Sache vorbei.

Heute mehr denn je. Denn Funktion und Funktionsweise von Parteien haben sich bekanntlich gewandelt. Sie erodieren als fixe Marken. Das Ende des Stammwählertums bedeutet das Ende der gebundenen Emotionen. An deren Stelle tritt die frei flottierende politische Emotion. Sie bestimmt heute die Szenerie. Um diese zu fangen, brauchen Parteien eine zunehmende Personalisierung: die Kandidaten müssen als Personen die emotionale Kommunikation mit den Wählern herstellen, die früher aus der Kontinuität erwuchs. Sie müssen die notwendige Bindung erzeugen. Dazu müssen die Kandidaten etwas repräsentieren, was vertrauenswürdig, das authentisch ist - Demokratie mit menschlichem Antlitz gewissermaßen.

Das ist ein komplexer Vorgang, wie sich an der "Elefantenrunde der Kleinen" gezeigt hat. Da waren Leute mit ihren ehrlichen Emotionen, mit ihren überzeugten Anliegen. Waren sie deshalb authentischer? Nein. Ganz im Gegenteil - es funktionierte nicht. Ein "jämmerliches Schauspiel" (Föderl-Schmid). Die mediale Lektion hat gezeigt: Die Emotion muss übersetzt und repräsentiert werden. Die authentische Authentizität reicht nicht. Sie muss zum Image mutieren. Es braucht nicht nur Leute, die integer sind, sondern Leute, die ein Bild ihrer Integrität vermitteln können. Politik ist also - vor allem in Wahlkampfzeiten - ein Schauspiel mit bestimmten Regeln. Darüber soll man nicht klagen. Was aber passiert derzeit?

Wir sehen uns einem ganzen Komplex aus Medien und Parteien gegenüber - einem großen Emotionsproduktionsapparat. Die Parteien sind zu "Unternehmen mutiert" (Colin Crouch), wo Aktivisten mit ihrem Engagement durch Experten mit fachlicher Kompetenz ersetzt werden. Diese sind heute das Bindeglied zum Wähler: Berater, Werbeleute machen aus den Kandidaten Marken, Produkte, die unsere Gefühle wecken sollen. Sie sind die Experten fürs Vorher. Die Medien hingegen sind zuständig fürs Nachher, wo "Analysten" uns tagtäglich Nachhilfe in den Geheimnissen der Massenmanipulation erteilen. Sie erklären uns, was wir gesehen und was wir gehört haben. Eine ganze Hermeneutenkaste von Politikwissenschaftern bis zu Vodoo-NLPlern, die uns darlegen, was die anderen Experten intendiert haben. Experten fürs Verschlüsseln der Botschaften und Experten fürs Decodieren. Vorher - nachher. Wir sind umzingelt von Technokraten der Emotion. Schluss mit der emotionalen Entmündigung!

Die gelenkten, eingefangenen, kanalisierten, nach allen Regeln der Kunst produzierten Emotionen stellen sich aber nicht ein. Oder kennen Sie irgendjemanden, der bei dieser Wahl mit voller Überzeugung seine Stimme abgibt? Irgendwo ein Van-der-Bellen-Bart in Sicht?

Trotz des umfassenden Emotionsapparats fehlt es am entscheidenden Moment: dem Authentizitätskern. Denn so wie die ehrliche Emotion der "Kleinen" nicht ausreicht und sich erst ins Repräsentative übersetzen muss, so braucht andersherum die Technik der Emotionalisierung einen Authentizitätskern, um zu funktionieren. Das Schauspiel braucht ein Wahrheits-, die Kandidaten brauchen ein Echtheitsmoment, damit die Darstellung funktioniert.

Worin dieses besteht, zeigte sich deutlich an der Konfrontation Faymann - Molterer. Dort fehlte es nämlich gänzlich. Da präsentierten sich nicht zwei Kanzleramtsanwärter, sondern zwei Apparatschiks. Das ist einer, der sein enges System nicht überschreiten kann. Einer, bei dem man den Apparat, der ihn trägt, nie vergessen kann. Einer, dessen Rücken so schmal ist, dass er die anderen dahinter nicht verbergen kann. Während die Kandidaten dasitzen, lugen diese ständig hervor: Dichand, Häupl, Schüssel, Pröll.

Die Leute sind nicht politikverdrossen, sondern politikhungrig. Was aber soll daraus entstehen, wenn sie stattdessen mit Verwaltungskonzepten abgespeist werden? Es ist ein psychologischer Gemeinplatz, was aus enttäuschten Erwartungen wird - Frust.

Erstaunlicherweise gelingt aber auch den Kandidaten mit Authentizitätskern keine positive Emotionalisierung, wie Van der Bellen oder Heide Schmidt, die ihr ganzes politisches Kapital, ihre Glaubwürdigkeit, gerade in einem verzweifelten politischen Akt zu retten versucht.

Sind die kleinen Bewegungen emotionale Ressourcen ohne Technik, so sind die großen Parteien derzeit Techniken ohne emotionale Ressource. Da erliegt das Schauspiel seiner eigenen Künstlichkeit. Es wird zum Selbstläufer, der keine emotionale Kommunikation mehr herstellen kann. Da hilft auch kein verzweifeltes mediales Fremdgehen - etwa wenn Wilhelm Molterer seinen Facebook-Freunden nach der Sendung jovial postet: "Da habe ich mich doch gut geschlagen heute gegen Faymann." Das bleibt falsch geparkt. Wie auch die ATV-Sendung, die den Wahlkampf in "Österreich sucht den Superkanzler" verwandelte.

Und nachdem auch die Elefantenrunde keine Erleichterung brachte, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich am Sonntag à la Münchhausen selbst am Schopf zu packen: emotional verwaist eine unüberzeugte Stimme dennoch abzugeben. (Isolde Charim/DER STANDARD-Printausgabe, 27./28. September 2008)

Isolde Charim ist Philosophin in Wien

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