Schau' auf die Krone!

    28. September 2008, 17:20
    95 Postings

    Wie sich die "Kronenzeitung" ihre eigene Wirklichkeit erzeugt, wissenschaftlich analysiert

    Schon für diese Leistung gebührt dem Politikwissenschafter René Rusch Anerkennung: er hat für seine Diplomarbeit "Der Ausländer-Diskurs der Kronen Zeitung" das gesamte Jahr 2005 lang jede Ausgabe des Kleinformats gelesen. Dass er dabei jede Menge unterschwellige und explizite Rassismen festgestellt hat, ist wenig überraschend, war aber auch nicht das Hauptforschungsziel. Viel mehr ging es darum, ob es einen "Krone"-spezifischen Rassismus gibt und wie dieser funktioniert. Oder wie es der Untertitel formuliert: "Gibt es einen 'kronischen' Rassismus?"

    Höchste Zeit

    Was aber zunächst verwundert, ist die Tatsache, dass hier erstmals eine systematische Untersuchung zu diesem Thema über ein gesamtes Jahr hinweg gemacht wurde und es nicht schon ein halbes Dutzend umfassende Universitätsstudien dieser Art gibt. Immerhin handelt es sich um die größte Tageszeitung des Landes und ihr Ausländer-Diskurs wird in den Qualitätsmedien seit langem in beharrlicher Regelmäßigkeit kritisiert.

    Thema Nr. 1

    Bei der politischen Berichterstattung konnte Rusch zunächst klar bestätigen, dass das Thema "Ausländer/Asyl" Priorität für die Redaktion einnimmt. Immerhin wird es offen als "Thema Nr.1" bezeichnet und es gibt dann auch dementsprechend häufig Artikel dazu. Inhaltlich ist offensichtlich, dass permanent die Vermengung der Themen "Asyl" und "Sicherheitspolitik" vorgenommen wird. Asylwerbern wird auf diese Weise indirekt die Nähe zur Kriminalität zugeschrieben. Politisch relevant ist auch das kritiklose Abdrucken von Aussagen der FPÖ, sowie die a priori Diffamierung der Grünen als "Ausländer rein"-Partei.

    Neben der inhaltlichen Analyse hat Rusch auch eine quantitative Zählung von Schlüsselbegriffen vorgenommen, um die Ergebnisse abzusichern. So kommt z.B. in Artikeln, in denen "Asyl" vorkommt, im Schnitt auch einmal "Missbrauch" vor und 2,2mal der Bezug zu "Kriminalität".

    "Ausländer auf Verdacht"

    Die Kriminalitätsberichterstattung ist dementsprechend das fruchtbarste Feld auf dem der "kronische" Rassismus blüht. Hier sind mit Abstand die meisten Hinweise darauf zu finden, dass indirekt, aber dafür systematisch versucht wird, die Begriffe "Ausländer/Asylwerber" und "kriminell" zu verbinden.

    Dabei lassen sich einige Muster feststellen, nach denen die Redakteurinnen und Redakteure vorgehen. Die Tatsache, dass Ausländer/Asylwerber mutmaßlich an einer Straftat beteiligt waren, wird hervorgehoben und auch in der Schlagzeile positioniert. Andere Medien nennen zwar auch die Nationalität von Verdächtigen oder deren Status als Asylwerber, bei der "Kronenzeitung" wird dies aber ständig wiederholt. Der Spitzenwert liegt bei zwölf Nennungen bei einem einzigen mutmaßlichen Täter, davon zweimal auf der Titelseite.

    Kurioser ist da schon die Praxis, bei unbekannten und flüchtigen Tätern auf puren Verdacht hin zu behaupten, sie könnten Fremde sein. Dass das nicht selten vorkommt, belegen die Beispiele, die René Rusch gefunden hat.

    Weiters scheint es auch so zu sein, dass bestimmte Delikte nur dann einen "Nachrichtenwert" bekommen, wenn Fremde beteiligt sind. Am häufigsten fallen in diese Kategorie Schmuggel (47 Meldungen), Ladendiebstahl (33 Meldungen) und Schlepperei (32 Meldungen). Vor allem bei Ladendiebstahl als häufiges Bagatelldelikt ist das auffällig, denn bei Inländern war dieses der Redaktion nur fünf Meldungen wert.

    Der "ewige" Ausländer

    Symptomatisch ist letztlich auch, dass die Redakteurinnen und Redakteure selbst entscheiden, wen sie nun als "Ausländer" bezeichnen und wen nicht. Selbst der Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft stellt da keinen Hinderungsgrund dar. Entweder es wird nur die Information "gebürtiger Afrikaner/Türke/Ex-Jugoslawe" ohne weitere Erläuterung zur Staatszughörigkeit gebracht, oder die österreichische Staatsbürgerschaft einmal am Anfang erwähnt, dann aber nur mehr die "ursprüngliche" Nationalität.

    Die Analyse der Leserbriefseiten als Spielwiese für Inhalte, die zu explizit für den Nachrichtenteil sind, rundet das aufschlussreiche Bild vom "kronischen" Rassismus ab.

    Die Wirklichkeit der "Krone"

    René Rusch stellt der Untersuchung seine Ansicht voran, dass die Wirklichkeit jedes Mediums, nicht nur die der "Kronenzeitung", eine konstruierte ist. Folgerichtig spart er sich den Vergleich mit anderen Zeitungen und lässt nur die "Kronenzeitung" selbst als Maßstab gelten: "Es drängt sich auf, zu untersuchen, ob die Kronen Zeitung einen Unterschied in ihrer Berichterstattung zwischen 'In-' und 'Ausländern' macht." Somit soll auch für das "Krone"-Publikum die Argumentation prinzipiell zugänglich sein. Was etwas untergeht, ist die Betrachtung aus einem handwerklich-journalistischen Standpunkt, der bei einer Zeitung wesentlich sein sollte. Hier gibt es sehr wohl Maßstäbe und Regeln, die darauf abzielen, Phänomene wie die beschriebenen tendeziösen "Nachrichten" der "Kronenzeitung" zu vermeiden. Damit würden auch mögliche Rechtfertigungsstrategien, wie das "Recht auf eine eigene Meinung/Blattlinie" unschädlich gemacht.

    Das (oberflächliche) Lesen der Arbeit sollte auch nicht dazu verleiten, die "Kronenzeitung" als alleinigen Hauptangeklagten hinzustellen. Ihr Inhalt speist sich aus bereits vorhandenen Einstellungen, und ihre Redaktionsmitglieder wurden schließlich auch irgendwo sozialisiert. Andere Meinungsmacher wie politische Parteien und auch das Staatswesen dürfen hier nicht aus der Verantwortung entlassen werden.

    Die Diplomarbeit "Der Ausländer-Diskurs der Kronen Zeitung 2005. Gibt es einen 'kronischen' Rassismus?" kann im Volltext nachgelesen werden.

    Der Autor
    René Rusch (Jg. 1976, Mag.phil) studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Rassismusforschung, Diskurstheorie, österreichische Vergangenheitspolitik. Er arbeitet als Regieassistent und Grafiker sowie als Regisseur beim Landesstudio Wien des ORF ("Wien heute").

     

    Der Rezensent

    Thomas Müller (Jg. 1979, Mag.phil) studierte Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und ist Mitarbeiter beim Verein textfeld.






    Logo: textfeld


     

    • Artikelbild
      foto: matthias cremer
    Share if you care.