Beten für einen neuen Aufschwung

26. September 2008, 19:15
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In Detroit, der Motor City, verrostet der amerikanische Traum vom Wohlstand für die breite Masse. Die Mitarbeiter der großen Autokonzerne müssen sich mit deren Niedergang arrangieren - und ihrem eigenen - Reportage

Wenn gar nichts mehr hilft, hilft Beten. Also beten sie. Tausende sind es, die sich auf der Hart Plaza drängen, einem betongrauen Platz unten am Fluss, der die Grenze zu Kanada bildet. Über den Köpfen halten sie leuchtend gelbe Poster, auf die Greg Barrette einen frommen Wunsch hat drucken lassen. "I Lift Detroit In Prayer".

Galgenhumor

Detroit durchs Gebet aus dem Tief heben - irgendwann im Sommer kam Greg Barrette die Idee, dass die Stadt etwas Spektakuläres braucht. Nein, der Pfarrer der Renaissance Unity Church ist keiner dieser obskuren Wanderprediger, die neuerdings von Tankstelle zu Tankstelle ziehen, die Hand auf Zapfsäulen legen und hoffen, dass das Benzin mittels Magie billiger wird. Zugezogen aus dem liberalen San Francisco, versteht sich Barrette zur Hälfte als Geistlicher, zur Hälfte als Sozialarbeiter. "Aber irgendwie mussten wir den Leuten in dieser Misere Mut einflößen", sagt er und zeigt zufrieden auf einen Stapel von fünfzig Heften. Darin haben die Bürger Detroits aufgeschrieben, wie sie ihre Stadt sehen. "Wir sind eine prosperierende Gemeinde", lautet der allerletzte Eintrag. Es klingt nach Galgenhumor.

Detroit, das ist Motor City, die Metropole der Big Three, der drei Autokonzerne General Motors, Ford und Chrysler. Als Henry Ford damit begann, seinen Fließbandarbeitern ordentliche fünf Dollar am Tag zu zahlen, wurde es zum Synonym für breit verteilten Wohlstand, für Amerikas entstehende Mittelklasse. Heute ist es das Symbol der US-Wirtschaftskrise. Weil die Großen Drei die Zeit verschlafen haben und gegenüber ausländischer Konkurrenz ins Hintertreffen geraten sind, ist Detroit ein besonders trauriger Fall. 1950 lebten zwei Mio. Menschen hier, heute sind es noch achthunderttausend. Zehn Prozent sind arbeitslos, vier Prozent mehr als im US-Schnitt.

Fast alle sind weggezogen

1661 Porter Street, eines der Arbeitsämter von "Detroit Works", ein schmuckloser Flachbau, so groß wie zwei Fußballplätze. Draußen kleben die Zettel einer Zeitarbeitsfirma, die Schweißer sucht, für neun Dollar die Stunde. Drinnen ist der Teufel los, es gibt mindestens 20-mal so viele Bewerber wie offene Stellen. Marcus Knight, er trägt das rote Trikot eines Football-Stars, hält sich abseits. "Neun Dollar, das ist nicht mein Niveau", sagt er stolz. "Noch ist es nicht mein Niveau", fügt er leise hinzu. Er will umlernen, Krankenpfleger werden. Nur dauert die Ausbildung eben vier Jahre, und wie er das finanziell durchstehen soll, weiß er schlicht nicht.

Als Marcus Knight noch bei Chrysler schuftete, lag sein Stundenlohn bei 28 Dollar, erste Liga in Motor City. Nach zwölf Jahren wurde er entlassen, 26 Wochen lang kassiert er nun Arbeitslosengeld, knapp 1600 Dollar im Monat. Wenn das wegfällt, wird es eng. "Man müsste wegziehen", sinniert Knight, seine Freunde sind fast alle weggezogen, nach Chicago, nach Dallas, dorthin, wo es noch gut bezahlte Jobs gibt. Bei ihm ist das schwieriger. Er hat in der Westside, wo Detroit an die Satellitenstadt Dearborn grenzt, ein Häuschen gekauft. Vor vier Jahren war das, die Zukunft der Autobranche schien zwar nicht rosig, aber auch nicht düster. Marcus hatte gerade Amber geheiratet, seine Frau, mit der er heute zwei Kinder hat, Malik und Malia. Jetzt hängt das Haus wie ein Klotz an seinem Bein. Er wird es nicht wieder los, folglich kann er sich anderswo keine neue Bleibe leisten. "Catch 22", sagt er sarkastisch und meint eine klassische Zwickmühle.

Jedes zweite Gebäude ist vernagelt

Vor vier Jahren war es ein Kinderspiel, eine Hypothek zu bekommen. Es genügte, das Gehalt auf den Fragebogen der Bank zu schreiben. Heute bekommen selbst Kunden, die alles belegen können, kaum noch Kredit. Die Krise der Wall Street hat die Krise Detroits noch verschärft. Zurzeit gibt es praktisch keinen Normalverbraucher, der in der Lage wäre, Knight das Haus abzukaufen. Catch 22.

Nach Westen führt eine endlose Magistrale, die Michigan Avenue, heraus aus der Stadt, weg von der Skyline glitzernder Wolkenkratzer. Es ist, als wechselte man von der Ersten Welt in die Dritte. Jedes zweite Gebäude ist vernagelt, manchmal stehen nur noch Ruinen ohne Dächer, Ruinen mit Brandspuren. "No Hope!" "No Change!" Jemand hat Graffitisprüche an eine Wand gesprüht, verbitterte Anspielungen auf die Schlüsselvokabeln des Wahlkampfs.

Biegt man von der Michigan Avenue in die Miller Road ein, gelangt man zum River Rouge, einem Monstrum von einer Fabrik. In den 1930er-Jahren war das, mit über hunderttausend Beschäftigten, die größte Industrieanlage der Welt. Kraftwerk, Hochöfen, Putzkolonnen - alles betriebseigen. Nach dem Willen Henry Fords sollte es eine autarke Insel sein. Heute bildet das Rouge nicht viel mehr als eine gespenstische Kulisse. Nur zweitausend Menschen verdienen hier noch ihr Geld, und auch das nur noch phasenweise. Den Pickup F-150, den sie bauen, will keiner mehr, er frisst zu viel Sprit.

Gesundheitskosten machten die Autos teurer

"Wir kommen wieder", sagt Jerry Sullivan, "wir haben unsere Hausaufgaben gemacht." Er klingt wie ein einsamer Rufer in der Wüste der Krise. Sullivan leitet Local 600, ein traditionsreiches Gewerkschaftslokal. Bilder historischer Kämpfe hängen im Flur. Die UAW setzte einst durch, dass die Konzerne ihren Angestellten eine Betriebsrente zahlen und ihnen obendrein die Krankenversicherung garantieren.

Heute ist Sullivan damit beschäftigt, die Hälfte davon wieder zurückzunehmen. Ab 2010 wird seine Gewerkschaft, ausgestattet mit vielen Milliarden an Stiftungsgeld, die Kosten der Krankenversicherung tragen. Sehr konziliant im Ton, beschreibt es Sullivan als eine Last, die man den Big Three einfach von den Schultern nehmen musste: Gesundheitskosten hätten jedes Auto um 1600 Dollar teurer gemacht. "Wenn wir uns nicht einigen mit diesen Leuten, dann gehen sie eben woanders hin. Und was haben wir dann gewonnen?" (Frank Herrmann aus Detroit, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.9.2008)

  • "Hängst du nicth auch die amerikanische Flagge auf? Dann fahr doch auch ein amerikanisches Auto!" Auch patriotische Appelle an Windschutzscheiben sollen der US-Wirtschaft helfen.
    foto: standard/herrmann

    "Hängst du nicth auch die amerikanische Flagge auf? Dann fahr doch auch ein amerikanisches Auto!" Auch patriotische Appelle an Windschutzscheiben sollen der US-Wirtschaft helfen.

  • Greg Barrette betreut deprimierte Detroiter.
    foto: standard/herrmann

    Greg Barrette betreut deprimierte Detroiter.

  • Jerry Sullivan kämpft als Gewerkschafter.
    foto: standard/herrmann

    Jerry Sullivan kämpft als Gewerkschafter.

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