"Nummer 5" steht's bis oben hin

26. September 2008, 18:48
1 Posting

Die regelmäßige und oftmalige Erleichterung hat "Nummer 5" bitter nötig

Gegenüber von "Nummer 5" klebt ein Pickerl mit der Aufschrift "Eine bessere Welt ist möglich!" Man möchte sie ihm wünschen. Denn die Welt von "Nummer 5" ist die der öffentlichen Mistkübel in Wien. Und schön schaut sie nicht aus, seine Welt. Sie schaut ein wenig grindig aus; oben ist "Nummer 5" dreckig, unten saftelt's heraus - die Lackerln unter ihm sind über Monate hinweg eingetrocknet.

Dabei ist "Nummer 5" ein Mistkübel der neueren Generation - mit einem integrierten Tschickstutzen oben dran. Er hängt oben beim Wiener "Jonasreindl", wie die Straßenbahnstation Schottentor im Volksmund genannt wird. Ein- bis zweimal am Tag und einmal in der Nacht kommen seine orange gekleideten Betreuer vorbei, um ihn zu erleichtern. Einer von denen gab ihm auch seinen Namen, hat ihm "schotentor 5" drauf geschrieben. Zwar mit einem "t" zuwenig - aber besser, als man fristet sein Dasein als namenloser Kübel.

Die regelmäßige und oftmalige Erleichterung hat "Nummer 5" aber auch bitter nötig. Denn er ist meist abgefüllt bis oben hin.

Seit wenigen Tagen aber hat sich tatsächlich etwas geändert, in der Dreckswelt von "Nummer 5". Seine Betreuer widmen ihm nämlich auf einmal mehr Zeit, verweilen ein bisserl länger bei ihm. Denn jetzt wird sein Mist nicht nur einfach in den großen Kübel umgeleert - neuerdings fischt der Orange beim Leeren mit flinken Fingern die Aludosen aus dem Abfall, um sie danach in ein extra Sackerl zu geben.

Ein Test ist das bei den Orangen, wie man hört. Ein Versuch, das wertvolle Metall wiederzuverwerten. Seither ist die Welt von "Nummer 5" ein bisschen weniger sinnentleert. (Roman David-Freihsl; DER STANDARD Printausgabe, 27./28.09.2008)

 

 

 

  • Die Welt von "Nummer 5" ist ein bisschen weniger sinnentleert.
    foto: david

    Die Welt von "Nummer 5" ist ein bisschen weniger sinnentleert.

Share if you care.