"Westbahner glauben, sie sind was Besseres"

26. September 2008, 17:43
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Lokführer sind europaweit Mangelware. Weil ohne sie nichts geht, gehören sie zu den mächtigsten Eisenbahnern - Reportage

Lokführer sind europaweit Mangelware. Weil ohne sie nichts geht, gehören sie zu den mächtigsten Eisenbahnern. Privat sind sie oft nicht auf Schiene (Scheidungsrate 80 Prozent). Beruflich immer, notfalls auf der Oststrecke.

Wien – "Wann die Ruam dunst'n, dann rutschtst wia auf an nackertn Affenarsch. Des dabremst net, wann is Laub auf di Gleis pickt." Wie das ist, wenn man es nicht "derbremst" mit einem Zug, weiß Josef F. (Name d. Red. bekannt) genau. Der Lokführer rutschte damals mit seiner Triebwagengarnitur weit über eine Eisenbahnkreuzung hinaus, rammte dabei ein Fahrzeug, dessen Motor just auf dem Bahnübergang abgestorben war. Außer Blech kam damals niemand zu Schaden. Aber es hätte schlimm ausgehen können, wäre der Pkw-Lenker nicht rechtzeitig aus seinem Fahrzeug geflüchtet.

Rüben-Gleise

Jetzt ist wieder Rübenzeit. Im Weinviertel werden Tonnen von Zuckerrüben geerntet und entlang so genannter Rüben-Gleise gelagert, bis sie, in Güterwaggons hineingeschaufelt, in die Zuckerfabriken transportiert werden. "Das ist die schlimmste Zeit für uns", sagt Herr F., "wenn sich Nebel, Regen und ölige Schmiere vermischen, dann kann es gefährlich werden." Da sei auch der V-Befehl für die Katz'. V steht für Vorsichtsbefehl, mit ihm wird Fahren auf Sicht angeordnet. Die modernere Version sind zwei gelbe Punkte nebeneinander. Bedeutet: Der Zug darf die nächste Kreuzung erst durchfahren, nachdem er angehalten wurde.

Aber was ist schon modern auf dem Marchegger Ast. Schlingpflanzen überwuchern die Zwergsignale neben dem Gleis, Unkraut sprießt kniehoch aus jeder Ritze. Wer die Strecke nicht wie seine Westentasche kennt, müsste auf Sicht dahinschleichen oder auf gut Glück alles riskieren.

"Da bist ja blind"

Die Fahrt vom Wiener Ostbahnhof nach Marchegg an der Grenze zur Slowakei verläuft beschaulich. Der Triebwagenzug des Typs 5047, den Lokführer B. in Stadlau übernimmt, ist fast so heruntergekommen wie die Strecke. Abgewohnt würde man bei einem Hotel sagen. Es ist einer der letzten Spätsommertage und sehr schwül. Es riecht muffig, das Interieur könnte ein "Refurbishment" vertragen, wie die Runderneuerung heruntergekommener Reisezugwagen ohne Klimaanlage im Eisenbahner-Deutsch heißt. "Zahlt sich für die Kiste nicht mehr aus", mault Herr F., "die werden eh durch den Talent ersetzt." Den "Talent" von Bombardier schätzt er, wie viele andere Lokführer, nicht wirklich. Er war gleich nach seiner offiziellen Einführung durch (mittlerweile gelöste) Bremsprobleme aufgefallen. Freunde fürs Leben werden sie trotz Klimaanlage nie werden.

Ehe der Lokführer nach zehn Minuten Aufenthalt die Bremse löst, blättert er in einem 152 Seiten dicken, weißen Heft unter der Plexiglasplatte um: "La. Nummer 17, Ost" . Es kommt alle zwei Wochen heraus und darin sind alle Langsamfahrstellen aufgelistet. Derer gibt es viele, seit jährlich rund 1,5 Milliarden Euro in den Bahnausbau gebuttert werden. Würden sie alle elektronisch angezeigt, bräche das System zusammen. Also fährt man laut Buchfahrplan. "Deshalb geht ohne Streckenkenntnis nichts", knurrt Herr F.. Aber das wollten die seit der Bahnreform dramatisch vermehrten Chefs nicht hören. "Manche Kollegen bei privaten Güterbahnen fahren bis zu 30, 40 Stunden am Stück. Da bist ja blind, kriegst nix mehr mit."

"Wenn der Hauptbahnhof kommt, ist Krieg"

Dass er nach 20 Jahren im Dienst noch immer auf der wenig reputierlichen Ostbahn im Regionalzug Dienst schiebt und nicht auf der Hochleistungsstrecke der Westbahn, stört Josef F. nicht. "Die Russenkinder", wie die Ostbahner intern genannt werden, "halten zusammen wie eine Strafkolonie. Wissen S', die Westbahner, die glauben, sie sind was Besseres." Dort würden die Züge Wien-Salzburg beim Fahrplanwechsel im Winter wie Erbpachten verteidigt. "Aber wenn der neue Hauptbahnhof kommt, dann ist eh Krieg", grinst Herr F. Diebische Freude blitzt in seinen Augen.

Wieder zurück auf dem Süd-Ostbahnhof fährt er in die Waschanlage, geht essen, sucht seine nächste Lok. Mit der fährt er in den nächsten sechs Stunden bis an die tschechische Grenze. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.9.2008)

  • Dass der Eiserne Vorhang vor fast zwanzig Jahren gefallen ist, merkt man auf dem Bahnhof Marchegg nicht. Dort ist für viele Züge immer noch Endstation.
    foto: standard/newald

    Dass der Eiserne Vorhang vor fast zwanzig Jahren gefallen ist, merkt man auf dem Bahnhof Marchegg nicht. Dort ist für viele Züge immer noch Endstation.

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