Rundschau: Besuch aus dem Wurmloch

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coverfoto: heyne

Pierre Bordage: "Die Krieger der Stille" und "Terra Mater"

Broschiert, 752 bzw. 543 Seiten, jeweils € 15,50, Heyne 2007/08.

Frisch auf dem Markt: "Terra Mater", das Mittelstück im dreiteiligen Mammut-Epos "Les Guerriers du silence" des Franzosen Pierre Bordage. Da es sich heftig anbietet, dieses von Teil 1 an zu lesen, hier zunächst ein Rückblick auf "Die Krieger der Stille". Der erste Band führt in eine mehrere Jahrtausende in der Zukunft liegende feudalistische Welt ein: Die Konföderation von Naflin umfasst mehrere hundert Planeten, auf denen die Nachkommen der emigrierten Menschen leben; die Erde ist weitgehend vergessen. Bisher sorgten der Rat der Planeten und der Jedi-ähnliche Orden der Absolution für Ausgleich zwischen den Welten - doch diese Ordnung versinkt im Blut: Eine Allianz aus der Kirche des Kreuzes, dem Herrscherhaus des Planeten Bella Syracusa und den mysteriösen telepathisch begabten Scaythen, den eigentlichen Drahtziehern des Umsturzes, übernimmt die Macht. Konkurrierende Herrscherhäuser und Religionen sowie ganze Völker werden ausgelöscht, die mentale Inquisition etabliert ein totalitäres System, das keinen Widerstand ermöglicht. Und den Mitverschwörern der Scaythen ist nicht einmal bewusst, dass sie selbst nur ein Instrument zur Verwirklichung von deren GROSSEM PROJEKT sind.

In diese Ereignisse wird gänzlich unerwartet der verwahrloste Reisebüroangestellte Tixu Oty hineingezogen, als er einer geflohenen Syracuserin hilft. Binnen kurzem wird er nicht nur selbst gejagt, sondern auch mit der Tatsache konfrontiert, dass er vom Schicksal zu Höherem berufen ist - der Anti-Held mausert sich zum echten Helden. Bordage baut die aktuelle Handlung von Anfang an in einen mythologischen Rahmen ein, indem er in den Kapitel-Vorwörtern die jeweils folgenden Ereignisse in historischen Berichten aus noch ferneren Zukünften spiegelt. Hier geht es um Legendenbildung - und in deren Mittelpunkt steht nichts Geringeres als der Kampf des vielfältigen, übersprudelnden und selbstbestimmten Lebens gegen die Kräfte der Unterdrückung: Versinnbildlicht in der Leibfeindlichkeit der Kirche oder der sterilen Schönheit der Syracuser, die sich Tag und Nacht in einen den ganzen Körper bedeckenden Colancor hüllen und emotionale Kontrolle zur höchsten Vollendung der Etikette erklärt haben. Dementsprechend findet Tixu Trost und Hoffnung am ästhetischen Gegenpol: bei einem ranzig stinkenden Schamanen oder hinterwäldlerischen Fischern und Hirten.

Der "Krieger der Stille"-Zyklus ist ein klassisches Beispiel dafür, dass sich die Grenzlinie zwischen Science Fiction und Fantasy nicht an der Formel Raumschiffe + Roboter = SF festmachen lässt. Bordages monumentales Epos verlegt Fantasy-Elemente in den Weltraum, vom Motiv des Auserwählten ("Du musst dein Schicksal erfüllen", tönt eine Stimme in Tixus Kopf), der sich auf seine Queste begibt, nachdem er der damsel in distress Aphykit begegnet ist, über das Wirken übernatürlicher Kräfte bis hin zur ausgeprägten Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen den Kräften des "Guten" und des "Bösen" (letztere vereinen vom Massenmord bis zur Pädophilie so ziemlich alles Schlechte auf ihrer Seite). Anders als bei den meisten renommierten SF-AutorInnen der Gegenwart hat sich hier auch nicht das Wesen des Menschen durch informations- oder nanotechnologische Revolutionen verändert: Bei Bordage verläuft eine fast schon nostalgisch klare Trennung zwischen Mensch und Werkzeug - in Teil 2 wird übrigens eine Erklärung nachgereicht, wonach in ferner Vergangenheit ein Butlers Jihad vergleichbarer Maschinensturm stattgefunden habe. Frank Herberts "Dune" und die "Star Wars"-Reihe sind denn auch die am häufigsten zitierten Werke, mit denen die "Krieger der Stille" verglichen werden. Allerdings fehlt die furchterregende geistige und körperliche Disziplin der "Dune"-Charaktere und deren fremdartig anmutendes Bewusstsein, sich auf einer Zeitlinie zu befinden, die ebenso weit in die Vergangenheit wie in die Zukunft reicht. Diese unmenschlichen Züge erwecken das Gefühl, dass zwischen unserer Epoche und der von "Dune" tatsächlich eine enorme Zeit der Entwicklung verstrichen sein muss. Da wirken Bordages Menschen auf uns deutlich vertrauter. +++ An dieser Stelle Spoiler-Alarm: Wer erst Teil 1 lesen möchte, sollte die nächsten beiden Absätze überspringen.

"Terra Mater" setzt 16 Jahre nach den Geschehnissen von Band 1 ein und beschert uns einen Personalwechsel. Tixu und Aphykit, nun nur noch Nebenfiguren, leben zusammen mit ihrer Tochter und dem bereits in Teil 1 aufgetauchten Knaben Shari auf der leeren Erde bzw. Terra Mater. Sie sind Gestalten der Legende geworden, die als neue Meister die pazifistischen Krieger der Stille ausbilden. Die guten Kräfte sammeln sich, doch vorerst kaum beeindruckender als Ursäugetiere zwischen den Beinen von Dinosauriern: Draußen im Imperium brennen die Feuerkreuze der Inquisition heißer denn je, Genozide werden durchgeführt und die Scaythen machen sich an die nächste Stufe ihres Plans zur Auslöschung der Menschheit: die Manipulation des Menschheitsgedächtnisses. Und dieser Plan ist offenbar nur Teil eines größeren, das gesamte Universum umfassenden Kampfes zwischen dem Leben an sich und dessen Negation in Form der In-Creatur

Der Roman folgt dem Weg zweier Rebellen: Des achtjährigen Jek At-Skin, der von seinem atomar verseuchten Planeten flieht und in dem sich das Motiv des Auserwählten mit über- bzw. ur-menschlichen Kräften wiederholt. Und des syracusischen Adeligen Marti de Kervaleur, der, von Beginn an als künftiger Verräter beschrieben, durch ein mentales Programm der Scaythen zur Waffe gegen die Krieger der Stille gemacht wurde. Beide machen sich aus gänzlich unterschiedlichen Motiven zur alten Mutter Erde auf. - In "Terra Mater" treten die metaphysischen Aspekte noch wesentlich deutlicher in den Vordergrund als in Teil 1 (ohne allerdings den Handlungsfluss zu beeinträchtigen): Von der wiederzuerlangenden Göttlichkeit des Menschen ist die Rede. Zu sehen, wie Bordage in Teil 3 die Kurve zwischen positiv beschriebener, wenn auch nebuloser Spiritualität und der massiv negativen Schilderung organisierter Religion(en) kratzt, wird besonders interessant sein. Außerdem zeigt die bisherige Schwarz-Weiß-Zeichnung vor allem gegen Ende von "Terra Mater" bemerkenswerte Verschwimmungstendenzen. Man darf also gespannt sein: Der Abschlussroman "Die Sternenzitadelle" erscheint im April.

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