Einmal mehr gehen der IT die nötigen Fachkräfte aus

26. September 2008, 17:23
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Der Wissensgesellschaft fehlen die Wissensarbeiter. Aber statt wie in den 90er-Jahren nach „den Indern" zu rufen, plädiert Microsoft dafür, stärker in die Ausbildung zu investieren

Europa ist ein weiter Kontinent, und die Gewohnheiten und Probleme einzelner Länder sind höchst unterschiedlich. Aber „wenn ich in meinen 15 EU-Staaten unterwegs bin, dann erzählen mir meine Geschäftspartner und Kunden alle das Gleiche: Wir finden nicht genug ausgebildetes Personal am Markt", erklärt Pierre Liautaud, als Microsoft-Vizepräsident für Westeuropa zuständig.

„Es gibt eine Kluft zwischen dem, was die Wissensgesellschaft braucht, und dem, was der Markt anbietet"

Während jedoch in der EU derzeit erneut über die „Blue Card" für Fachkräfte diskutiert wird, quasi eine Neuauflage der „Hol den Inder"-Debatte der späten 90er-Jahre, glaubt Liautaud an eine andere Strategie: in den Nachwuchs investieren. „Es gibt eine Kluft zwischen dem, was die Wissensgesellschaft braucht, und dem, was der Markt anbietet. Wir müssen massiv in diese Wissensgesellschaft investieren." Derzeit gebe es in „Westeuropa" (die EU-15 plus Schweiz, Liechtenstein und Norwegen) rund 7,5 Millionen IT-Jobs, von denen eine halbe Million zwischen 2002 und 2006 geschaffen wurde; bis 2011 sollen weitere 800.000 dazukommen.

„6300 Leute werden in den nächsten zehn Jahren im IT-Bereich gesucht"

Der Befund des Mangels an IT-Spezialisten deckt sich mit österreichischen Erhebungen. Im Softwarebereich gibt es in Österreich rund 41.000 Mitarbeiter, im IT-Sektor insgesamt rund 63.000, und zehn Prozent werden in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen, rechnet Gottfried Haber von der Universität Klagenfurt, der eine Studie über den IT-Jobmarkt in Österreich erstellt hat. Wenigstens „6300 Leute werden in den nächsten zehn Jahren im IT-Bereich gesucht", rechnet Haber, 1900 in den nächsten drei Jahren. Aber ein Drittel bis zu einer Hälfte der Firmen gaben in seiner Erhebung an, ihren Bedarf nach IT-Spezialisten nicht decken zu können. Ein besonders großes Problem: Das „Mismatch" zwischen vorhandenen Qualifikationen und gesuchten, denn insbesondere im IT-Sektor sei die Halbwertszeit des Wissens sehr kurz, „zwischen sechs Monaten und drei Jahren", schätzt Haber.

Die positive Seite der kurzen Halbwertszeit des Wissens und des „Mismatch": Ein Fachkräftemangel würde sich darum in relativ kurzer Zeit beheben lassen, entsprechende Investitionen in Bildungsangebote vorausgesetzt.

Großer Name

Der Fachkräftemangel „ist kein Microsoft-Problem, denn wir sind ein großer Name. Aber 90 Prozent der IT-Jobs sind bei unseren Partnern, und die haben nicht immer große Namen", sagt Liautaud. Microsoft bemüht sich darum um Programme, die Interesse und Ausbildung ankurbeln sollen. In Österreich startet Microsoft zusammen mit seinen Partnern Anfang November den „KarriereCampus", der mehrere hundert Fachkräfte rekrutieren und mit Arbeitgebern zusammenbringen will.

Nur für Geeks und Nerds

Aber warum interessieren sich zu wenige Schüler und Studenten für IT-Jobs? „Es gibt noch immer die Vorstellung, dass IT-Jobs nur für Geeks und Nerds sind, für Leute hinter Computern. Aber diese Jobs reichen vom Marketing über das Web bis zur Musik und sind sehr ansprechend. Unsere Industrie ist leider nicht gut dabei, das richtig zu kommunizieren", sagt Liautaud selbstkritisch. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 27. Septmber 2008)

 

 

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    „Es gibt noch immer die Vorstellung, dass IT-Jobs nur für Geeks und Nerds sind, für Leute hinter Computern

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