Rundschau: Eine Geschichte von zwei Totenstädten

16. November 2008, 18:44
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coverfoto: quintessenz

q/uintessenz (Hrsg.): "Am Ende der Leitung"

Broschiert, 321 Seiten, € 15, q/uintessenz 2008.

2007 rief der Verein q/uintessenz, Veranstalter der Big Brother Awards Österreich, zu einem SF-Literaturwettbewerb auf. Thema: Datenschutz und Überwachungstechnologien. Sonst gab es keine inhaltlichen Vorgaben, und entsprechend vielfältig sind die Zugänge der 27 in dieser Anthologie zusammengefassten Texte, ausgewählt aus 300 Einsendungen, ausgefallen - drei davon wurden außerdem von einer Jury, der unter anderem Franz Rottensteiner angehörte, prämiert.

Den verdienten ersten Platz belegte Florian Bayer mit der Kurzgeschichte "EWE" (Everybody Watches Everybody): Protagonist Nicolai verbringt wie alle Menschen zwischen 17 und 70 sechs Stunden jedes Tages damit, einen ihm zugeteilten Bürger per Kamera zu überwachen und laufend Protokolle an die zentrale Behörde einzuschicken - ganz so, wie es jemand anderer mit ihm tut; letzteres ohne Altersgrenze: passives Beobachtungssubjekt bleibt man nämlich ein Leben lang. Menschen beobachten Menschen, die Menschen beim Beobachten von Menschen beobachten - Kontaktaufnahme zwischen den Gliedern der Kette ist verboten, und die Verbrechensrate tendiert gegen Null. Ein perfektes Stück Ideen-SF, das zwar auf eine vorausahnbare Pointe hinausläuft, aber nichtsdestotrotz durch seine Originalität besticht. - Auf den Plätzen 2 und 3 wurden die reichlich in sich selbst verliebte Erzählung "Abteilung ÜBLDA" von Reinhold Schrappeneder und das straightere "Null Punkte" von Uwe Protsch gereiht: Beiden ist gemeinsam, dass sie Überwachung aus Sicht der durchführenden Behörden bzw. Täter schildern.

Wie immer liegt der Reiz von Anthologien darin, dass Originelles neben Plattem und Gelungenes neben Ungelenkem steht - hier verstärkt durch den Umstand, dass die Beiträge sehr kurz sind (zwischen einer und 20 Seiten) und um ein gemeinsames Thema kreisen ... dem aber erstaunlich unterschiedliche Facetten abgewonnen werden. Den "wohlmeinenden" Überwachungsstaat der Nahzukunft, der von Sprache bis zur richtigen Ernährung alles reglementiert, zeichnen Mary Jirsak und Matthias Beirau - dass Kontrolle aber auch ganz ohne Technik funktionieren kann, zeigt Björn Schubert mit seiner herrlich surrealen Episode "Der Protokolleur" vom Überwacher, der mit Schreibblock auf dem Kasten sitzt und seinem Opfer über die Schulter guckt. Nur am Rande mit dem Thema zu tun hat Jochen Micknats "Pavels Hund" und ist dennoch einer der besten Texte. Makabrer Inhalt ist die (zum Glück fiktive) Umkehrbarkeit des Pawlowschen Reflexes: Der Klang des berühmten Glöckchens kann den Appetit nicht nur wecken, sondern auch stillen - und wer es regelmäßig hört, verhungert satt und zufrieden. Eine absurd-komische Seite schließlich gewinnt Stephan Lack dem Thema mit "Frittierte Belugas mit Ohren" ab, das die liebenswert altmodische Form des Restaurant-Sketches ins 25. Jahrhundert beamt.

Dieser Vielfalt der Herangehensweisen steht ein bemerkenswert einhelliger pessimistischer Grundtenor gegenüber: In fast allen Beiträgen obsiegt der Große Bruder, welche Form auch immer er angenommen hat - beispielhaft etwa Arno Endlers Geschichte "Meine Farbe ist Schwarz", in der eine alternative Low-Tech-Gesellschaft vom sie umgebenden Überwachungsstaat unbarmherzig plattgemacht wird. Nur drei AutorInnen lassen ihren ProtagonistInnen wenigstens die theoretische Chance, dem System ein Schnippchen zu schlagen - mit eingerechnet schon Sarah Fiona Gahlens "Das Geheimnis", in dem sich der Kampf um Persönlichkeitsschutz bloß noch auf der Ebene sinnfreier und politisch irrelevanter Schülerstreiche abspielt ... die Teenager erzielen sympathische "Erfolge", die die allgemeine Ausweglosigkeit aber eher noch unterstreichen. Überwachung als unentrinnbare Naturgewalt? Wenn Science Fiction auch das Genre ist, in dem Zukunftsängste an die Oberfläche gebracht werden, dann hat "Am Ende der Leitung" offensichtlich ins Schwarze getroffen.

Eine Extra-Erwähnung gebührt noch einer weiteren Autorin - weniger ihrer Erzählung als ihres Eintrags im AutorInnenverzeichnis wegen: Denn wo die anderen brav bio- und bibliografische Daten nebst Foto aufreihen, steht bei ihr lapidar: Katja Häuser legt Wert auf ihre Privatsphäre. Prägnanter kann man den Grundgedanken der Anthologie wirklich nicht auf den Punkt bringen.

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ach du meine güte, josefson, ulan i sathil der alchemist? wer war dann yakobin? also wirklich, so ein lapsus ... ;-)

noch einmal

danke liebe standardinnen (sorry musste sein) für diese rubrik. vielleicht hätte der selbe teil der redaktion auch mal zeit erwachsenencomics zu besprechen...und ich meine keine pr0nographie.

danke

J. Josefson
01
8.12.2008, 20:09

Das haben wir uns auch schon überlegt - aber leider gibt es bei uns niemanden, der sich fortlaufend mit Comics beschäftigt. Shaun Tans "The Arrival" (sehr empfehlenswert übrigens!) war mein einziger aktueller Kauf in den letzten Jahren, ansonsten hänge ich mit meinen Präferenzen komplett in den 70ern fest: Mit Moebius, Druillet & Co einerseits und der Legion der Superhelden und den New Gods andererseits. Gibt nicht wirklich Stoff für eine Rubrik ab ...

Genderwahn

Der Brite Ian McDonald gehört mit Sicherheit zu den interessantesten SF-AutorInnen der letzten 20 Jahre.

dank des Firefox binnenI plugins steht es bei mir richtig:

Der Brite Ian McDonald gehört mit Sicherheit zu den interessantesten SF-Autoren der letzten 20 Jahre.


https://addons.mozilla.org/de/firefo... addon/6822

sehr zu empfehlen!

Sehr hilfreiches PlugIn, danach kann man auch Standard Texte wieder mühelos lesen

Aha, da steht es also "richtig". Sie haben doch hoffentlich auch eine Firewall, die alles abblockt, in dem das Wort "Frauen" vorkommt? Nur so kann man endlich wieder beruhigt schlafen.

ein Mäderl...?

sonst wüßten sie wohl, wofür eine Firewall so zuständig ist *hihi*

Frauen kommen bei mir nur im Bett (vor).

aha

wer kocht denn? *verwundert schau*

und dreckig ist's dann sicher auch... :-/

kochen tut das Restaurant
und putzen die PutzFRAU

haha

Wieso müssen die eingedeutschten Titel der Romane eigentlich immer so grottig und reißerisch sein?

Ich würde gerne mal Pratchett kennenlernen.

Womit steigt man denn am besten in die Scheibenwelt ein?

zusätzlich zum geposteten reihenfolgen-link: mein einstieg war "mort" auf englisch. ich habe stundenlang tränen gelacht. der feinstaubtrockenste, dunkelschwärzeste humor seit monty python, mit dem t.p. den tod daherkommen lässt, ist unübertrefflich.

und noch was: über die ersten 50 seiten sollte man am besten in einem rutsch drüberlesen, da diese auf grund der zahlreichen handlungsstränge und -sprünge meist verwirrend sind. viel spaß!

http://www.lspace.de/dafp/reih... folge.html

Wobei ich dir natuerlich empfehle sie auf Englisch zu lesen.

Ich habe mit Die Farben der Magie angefangen (war ein Sammelband von Piper mit vier "Rincewind"-Romanen, jedoch sind mir die fruehen Buecher fast zu viel Fantasy, was sich, meiner Meinung nach, spaeter abschwaecht. Es gibt jedoch natuerlich Fantasyfundamente bei allen Buechern.

danke

ich habe mir eine "death-trilogie" bei amazon bestellt. "mort" ist dabei der erste teil - und wenn der wirklich so gut ist wie ALLE sagen, dann hab ich ja noch einiges vor.

Fantastischer Link...

... danke!

Wenn Sie nicht streng chronologisch vorgehen wollen, kann ich "Guards! Guards!" empfehlen. Es präsentiert zum ersten Mal die Wache und kann problemlos ohne Vorwissen gelesen werden, zumal es einen guten Einstieg in die Stadt Ankh-Morpork bietet.

Es ist auch etwas leichter verdaulich als zB die frühen Rincewind-Romane ("The Colour of Magic").

necroville ist doch schon im august erschienen, die rezension erfolgt ein bißchen spät...

Ist doch schön, wenn Rezensenten das Objekt der Rezension auch kennen und nicht nur die Pressemeldung abschreiben.

mir is es ganz recht wenss später kommt und er das Buch dafür auch gelesen hat. Macht ja ein Buch nicht schlechter, nur weils schon ein Monat alt ist.

wieder einmal

muß ich euch den Flusswelt-Zyklus ans Herz legen. Ich steh eigentlich nicht auf Mehrteiler, aber die hier sollte man echt gelesen haben. Spannend und Unterhaltsam, Philosophisch und Komisch.
5 von 5 Flussbiegungen von mir!

Tristopolis; Zwei gute Nachrichten zu Beginn. Für LeserInnen von Teil 1: Die Fortsetzung hält das Niveau des ersten Romans;

War der erste Roman denn wirklich so gelungen? Ich fand die Charaktere und die Story eher platt, und das Setting zu bemüht bizarr um einen wirklich in seinen Bann zu schlagen. Andere Meinungen zu Tristopolis?

Stimmt. Habe ihn nach einem Drittel beiseitegelegt.

eine perle:

"von einem der wenigen deutschsprachigen sf-autorInnen"

...

"Der Brite Ian McDonald gehört mit Sicherheit zu den interessantesten SF-AutorInnen der letzten 20 Jahre"

ist aber unschlagbar.

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