Rundschau: Eine Geschichte von zwei Totenstädten

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coverfoto: quintessenz

q/uintessenz (Hrsg.): "Am Ende der Leitung"

Broschiert, 321 Seiten, € 15, q/uintessenz 2008.

2007 rief der Verein q/uintessenz, Veranstalter der Big Brother Awards Österreich, zu einem SF-Literaturwettbewerb auf. Thema: Datenschutz und Überwachungstechnologien. Sonst gab es keine inhaltlichen Vorgaben, und entsprechend vielfältig sind die Zugänge der 27 in dieser Anthologie zusammengefassten Texte, ausgewählt aus 300 Einsendungen, ausgefallen - drei davon wurden außerdem von einer Jury, der unter anderem Franz Rottensteiner angehörte, prämiert.

Den verdienten ersten Platz belegte Florian Bayer mit der Kurzgeschichte "EWE" (Everybody Watches Everybody): Protagonist Nicolai verbringt wie alle Menschen zwischen 17 und 70 sechs Stunden jedes Tages damit, einen ihm zugeteilten Bürger per Kamera zu überwachen und laufend Protokolle an die zentrale Behörde einzuschicken - ganz so, wie es jemand anderer mit ihm tut; letzteres ohne Altersgrenze: passives Beobachtungssubjekt bleibt man nämlich ein Leben lang. Menschen beobachten Menschen, die Menschen beim Beobachten von Menschen beobachten - Kontaktaufnahme zwischen den Gliedern der Kette ist verboten, und die Verbrechensrate tendiert gegen Null. Ein perfektes Stück Ideen-SF, das zwar auf eine vorausahnbare Pointe hinausläuft, aber nichtsdestotrotz durch seine Originalität besticht. - Auf den Plätzen 2 und 3 wurden die reichlich in sich selbst verliebte Erzählung "Abteilung ÜBLDA" von Reinhold Schrappeneder und das straightere "Null Punkte" von Uwe Protsch gereiht: Beiden ist gemeinsam, dass sie Überwachung aus Sicht der durchführenden Behörden bzw. Täter schildern.

Wie immer liegt der Reiz von Anthologien darin, dass Originelles neben Plattem und Gelungenes neben Ungelenkem steht - hier verstärkt durch den Umstand, dass die Beiträge sehr kurz sind (zwischen einer und 20 Seiten) und um ein gemeinsames Thema kreisen ... dem aber erstaunlich unterschiedliche Facetten abgewonnen werden. Den "wohlmeinenden" Überwachungsstaat der Nahzukunft, der von Sprache bis zur richtigen Ernährung alles reglementiert, zeichnen Mary Jirsak und Matthias Beirau - dass Kontrolle aber auch ganz ohne Technik funktionieren kann, zeigt Björn Schubert mit seiner herrlich surrealen Episode "Der Protokolleur" vom Überwacher, der mit Schreibblock auf dem Kasten sitzt und seinem Opfer über die Schulter guckt. Nur am Rande mit dem Thema zu tun hat Jochen Micknats "Pavels Hund" und ist dennoch einer der besten Texte. Makabrer Inhalt ist die (zum Glück fiktive) Umkehrbarkeit des Pawlowschen Reflexes: Der Klang des berühmten Glöckchens kann den Appetit nicht nur wecken, sondern auch stillen - und wer es regelmäßig hört, verhungert satt und zufrieden. Eine absurd-komische Seite schließlich gewinnt Stephan Lack dem Thema mit "Frittierte Belugas mit Ohren" ab, das die liebenswert altmodische Form des Restaurant-Sketches ins 25. Jahrhundert beamt.

Dieser Vielfalt der Herangehensweisen steht ein bemerkenswert einhelliger pessimistischer Grundtenor gegenüber: In fast allen Beiträgen obsiegt der Große Bruder, welche Form auch immer er angenommen hat - beispielhaft etwa Arno Endlers Geschichte "Meine Farbe ist Schwarz", in der eine alternative Low-Tech-Gesellschaft vom sie umgebenden Überwachungsstaat unbarmherzig plattgemacht wird. Nur drei AutorInnen lassen ihren ProtagonistInnen wenigstens die theoretische Chance, dem System ein Schnippchen zu schlagen - mit eingerechnet schon Sarah Fiona Gahlens "Das Geheimnis", in dem sich der Kampf um Persönlichkeitsschutz bloß noch auf der Ebene sinnfreier und politisch irrelevanter Schülerstreiche abspielt ... die Teenager erzielen sympathische "Erfolge", die die allgemeine Ausweglosigkeit aber eher noch unterstreichen. Überwachung als unentrinnbare Naturgewalt? Wenn Science Fiction auch das Genre ist, in dem Zukunftsängste an die Oberfläche gebracht werden, dann hat "Am Ende der Leitung" offensichtlich ins Schwarze getroffen.

Eine Extra-Erwähnung gebührt noch einer weiteren Autorin - weniger ihrer Erzählung als ihres Eintrags im AutorInnenverzeichnis wegen: Denn wo die anderen brav bio- und bibliografische Daten nebst Foto aufreihen, steht bei ihr lapidar: Katja Häuser legt Wert auf ihre Privatsphäre. Prägnanter kann man den Grundgedanken der Anthologie wirklich nicht auf den Punkt bringen.

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