Ein Spiel mit flexiblen Regeln

26. September 2008, 16:43
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"Portraits" - Peter Rigaud fotografiert Peter Lindbergh, der gerade drei baumlange Models fotografiert, die die Fifth Avenue überqueren

Das muss in Sekundenschnelle gegangen sein, der erste Peter hat genau den richtigen Moment erwischt, an dem der zweite Peter und seine Sujets zwischen vorbeieilenden Passanten sichtbar werden. So weit Rigaud, der Profi der Reportage. Dass er auch ganz andere Spielarten seines Metiers beherrscht, zeigt er seit vielen Jahren. Nun legt der 40-jährige Salzburger sein neues Buch Portraits vor und belegt, wie fruchtbar er seine Erfahrungen anwendet, wenn es um das eigentlich recht enge Thema der Porträtbilder geht. Durch seine Objektive gesehen, weiten sich die Möglichkeiten, Menschen abzubilden. Ein doppeltes Arrangement wird sichtbar: Die Porträtierten können sich darstellen, der Fotograf kann sie inszenieren.

Dessen mag sich die zweijährige Emilia nicht bewusst sein, doch die meisten anderen der mehr als 70 Abgebildeten sind Teil dieses Spiels mit flexiblen Regeln. Erwin Wurm legt sich zwischen Dickhäutern ins Naturhistorische Museum. Jonathan Safran Foer stapft vor der Brooklyn Bridge über Stock und Stein. Jonathan Meese überblickt das Chaos seines Berliner Ateliers (siehe Bild). Anderen, wie Roman Polanski oder Amos Oz, geht Peter Rigaud geradezu porentief nahe. Es überwiegen jedoch die Personen plus ihrer Umgebung - Sitzungen nur im bildlichen Sinn, aber auch in der Bedeutung, dass sie dauern, überlegt sein wollen, auf das richtige Licht warten, um dann doch auch den Zufall zu nutzen: wie passend, wenn sich die Ausstatterin Dorothea Nicolai gerade in ihrer Kostümsammlung versteckt. Manchen widmet sich Rigaud mehrmals, dem Architekten Peter Eisenman etwa, der erst in seinen eigenen Bauten fast verschwindet, um dann, sweatshirtspruchbewehrt, umso präsenter aufzutreten: "I am not difficult, architecture is". Freie und Auftragsarbeiten aus zehn Jahren sind hier großformatig versammelt: Die Porträtfotografie lebt, und wie! (Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.09.2008)

Peter Rigaud, "Portraits". Mit einem Essay von Nina Schedlmayer. € 39,90 / 168 Seiten . Christian Brandstätter Verlag, Wien 2008

  • Artikelbild
    foto: cremer
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