Veilchen und Berge

26. September 2008, 16:34
posten

"Usambara": Christof Hamann hat einen Roman über die vernachlässigte und beschönigte koloniale Vergangenheit Deutschlands geschrieben

Der klangvolle Titel dieses Romans verweist auf das bekannte Veilchen und das gleichnamige Gebirge in Tansania, wo die inzwischen weitverbreitete Pflanze Ende des 19.Jahrhunderts entdeckt wurde. Das Usambaraveilchen ist ein botanisches Symbol für die problematische Beziehung zwischen dem wilhelminischen Deutschland und seiner Kolonie Deutsch-Ostafrika - und genau darum geht es in Christof Hamanns neuem Roman.

Fritz Binder ist Briefträger in Wuppertal, seine schwerkranke Mutter liegt in einem Altersheim. Was ihn über das bundesdeutsche Kleinbürgertum hinaushebt und seinem Leben von Kindheit an Sinn gegeben hat, ist seine mit der deutschen Afrikakolonisierung verbundene Familiengeschichte. Binders Urgroßvater, Leonhard Hagebucher, war einer unbestätigten privaten Legende nach unter dem Trio von Pionieren, das 1889 den Kilimandscharo, den damals höchsten Berg des deutschen Reiches, bestiegen hat, sowie der - ebenfalls nicht anerkannte - Entdecker des Usambaraveilchens. Als Fritz Binders Freund Michael, der Nachbarjunge, mit dem er in seiner Kindheit die familiären Afrikamythen im Sandkasten nachspielte, ihm von einer Benefizveranstaltung zur Rettung der Kilimandscharogletscher erzählt, lässt dieser sich überreden, an der Massenbesteigung des "Schneebergs" teilzunehmen. Er versucht sich damit in die Familientradition zu reihen, ohne allerdings den konkreten Sinn dieses Unternehmens formulieren zu können.

Usambara verknüpft kunstvoll zwei Zeitebenen - die kolonialistischen und imperialen Zielen dienende Mission des Urgroßvaters und den nur vordergründig ökologischen Anliegen verbundenen Event des Zeitalters der Globalisierung. In beiden Fällen werden Identität und Interessen der afrikanischen Bevölkerung buchstäblich mit Füßen getreten.

Der Roman ist ein Beispiel für "postkoloniale Literatur", die die weiße Dominanz in abhängigen Gebieten nicht bloß kritisiert, sondern auch zeigt, wie sich die "subalternen" Kulturen zu wehren vermögen. Bei einer der Erstbesteigung vorangehenden Expedition werden Hagebucher sowie Vertreter Deutschlands und der k.u.k. Monarchie von einer Koalition aus Arabern und Afrikanern gefangen genommen und kommen nur knapp mit dem Leben davon. Die Szenen, in denen die drei Weißen den hasserfüllten Blicken der indigenen Bevölkerung ausgesetzt sind, gehören zu den eindrucksvollsten des Buches. Auch Urenkel Fritz muss die Rache des fremden Landes am eigenen Leib erfahren. Der Kilimandscharo, der als Resultat der Benefizveranstaltung mit einer Folie zum Schutz gegen die klimatischen Veränderungen ausgestattet werden soll, weiß sich zu wehren. Noch vor Erreichen des Gipfels erfassen Binder Höhenkoller und schwere Dysenterie, die ihn fast das Leben kosten.

Der Roman ist Ausdruck des zunehmenden Interesses für die lange vernachlässigte - und genauso lange beschönigte - koloniale Vergangenheit Deutschlands, ist jedoch kein historischer Roman im traditionellen Sinne. Vielmehr wird bis zuletzt mit der "realen" Fundierung der Ereignisse gespielt, und es bleibt offen, ob Leonhard Hagebucher wirklich jemals in Afrika war oder er diese Geschichte lediglich aus Geltungssucht oder komplexen psychologischen Notwendigkeiten erfunden hatte. Damit ist er dem fabulierfreudigen Afrikaroman Wilhelm Musters, Der Tod kommt ohne Trommel (1980) verwandt, der eine k.u.k. Kolonie in Afrika imaginiert, die man nach dem Ersten Weltkrieg schlicht vergessen hatte.

In Usambara jedoch, dem dritten Roman des 1966 geborenen deutschen Autors Hamann, hat die koloniale Vergangenheit durchaus Folgen, wie aus den psychologischen Verstrickungen des Urenkels, aber auch aus den angedeuteten, aber nicht ausgeführten Verbrechen des Urgroßvaters in der Nazizeit hervorgeht. Es ergeben sich Verknüpfungen, die jedoch im Text eher ahnbar bleiben und nur selten reflektiert werden. Auch mit dieser Perspektive über die eigentliche Geschichte hinaus wird Hamanns anspruchsvoller Roman ein sehr nachhaltiges Lektüreerlebnis. (Walter Grünzweig, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.09.2008)

Christof Hamann, "Usambara." Roman. € 18,50 / 259 Seiten. Steidl, Göttingen 2008

Share if you care.