"Borgomompfoppelgock!"

26. September 2008, 16:32
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In dem monströsen Fantasy-Roman "Die Abschaffung der Arten" träumt der deutsche Autor Dietmar Dath von einer nebulösen Zukunft ohne Menschen

In einer Zukunft, die man sich gar nicht fern und abgeschmackt genug vorstellen kann, hat es die ihre Ressourcen vernichtende Menschheit einigermaßen überstanden. Die letzten Exemplare des "homo sapiens" stehen unter der Knute der lieben Tiere. Löwe, Fuchs und Libelle haben der Evolution selbsttätig auf die Sprünge geholfen. Die Bewirtschaftung der Lebensräume ist einer anspruchsvollen "Ökotektur" gewichen, die im Wesentlichen auf der Selbstprogrammierung ihrer Schöpfer beruht.

Die Probleme der genetischen Feineinstellung sind großteils als gelöst zu betrachten - durch Grassteppen strolchen intelligibel begabte Wölfe und bis an die Zähne bewaffnete Dachse. Kommuniziert wird über Geruchsstoffe, und wer in dieser aus dem Geist der Google-gelehrten Spekulation geschöpften Fantasy-Welt das Sagen hat, trägt ein Löwenfell und hört auf die schöne Namenskette "Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden".

Autor Dietmar Dath (38), der unlängst mit einem so streitbaren wie plausiblen Pamphlet (Maschinenwinter) das Wachhalten eines genuin "linken" Bewusstseins an die Herausbildung von Techniken der Selbstoptimierung gekoppelt hat, ist allen Ernstes unter diejenigen Unterhaltungsprosaisten gegangen, deren Hervorbringungen zu Tausenden die Bahnhofskioske zieren.

Dath, ein eminent befähigter Kopf, arbeitet gleichsam vegetativ: Er schleudert jährlich mehrere hundert Seiten heraus. Man wird ihm die Kühnheit seiner weit ausgreifenden Entwürfe nicht vorwerfen wollen. Die Ableitung der Zukunft aus dem Verhalten des Schimmelschleimpilzes ("Pseudoplasmodium" ), dessen Einzelzellen irgendwann kollektiv gerichtet agieren, weshalb sie metaphorisch für Qualitätssprünge in der Evolution einstehen, ist von starkem Reiz. Wir sprechen hier aber von Literatur. Mögen Gehirne auch leistungsfähige Rechner sein - in Daths buntem Prosaeintopf werden die gelehrten Bestandteile zu einer sämig-zähen Romanmasse verkocht.

Und so kommt es, dass Wolf und Luchs und Fuchs, dass Hund und Katz' und Spatz sich ihrer extrem umschweifigen Darlegungen mit dem sprachlichen Feinschliff von RTL-Ansagern entledigen.

Fantasy als Waffe

Schlimmer noch: Daths biochemischer Lunapark wirkt, obzwar streng wissenschaftlich ausgerichtet, rein mythogen. Es ist eben durchaus zweifelhaft, ob das Genre der Fantasy-Literatur leistungsfähig genug ist, fortschrittliche - oder auch nur fortgeschrittene - Gedanken angemessen zu befördern.

In den vielen nervtötenden Passagen, die diesen Text mit allerlei Redundanzen beschweren, wird das Manko jeder abgepausten "Star Wars" -Ästhetik spürbar. Dath hält sich mit Fragen wie denen nach Plausibilität oder Anschaulichkeit nicht eben lange auf. Die Kämpfe der "Gente" , die als animalische Selbstzüchtungskünstler das Erbe der Menschen in ein "bionisches" Zeitalter transformieren, um ihre Kultur schließlich unter dem Druck der "Keramikaner" auf die Venus und den Mars zu exportieren - sie wirken wie abgepaust aus der nationalistischen Erbauungsliteratur eines Felix Dahn.

In dessen Frakturklassiker Ein Kampf um Rom (1876) - einer wahren Krawallschwarte aus den Regalen aller großdeutsch Erweckten! - wird der Untergang des germanischen Volksstammes der Goten zur süßen Verklärung nationalen Selbstbehauptungswillens umgedeutet. Dath, der als bekennender Linker nun ganz gewiss nicht "national" denkt, muss für seine ästhetische Entscheidung dennoch einen hohen Preis zahlen: Sein Personal trägt lächerliche Sandfloh-kostüme, die direkt aus einem George-Lucas-Film stammen könnten.

Populärmythen sind eben nicht automatisch imprägniert gegen alles Piefige und Miefige, gegen nationalideologische Rückstände. Vorgriffe auf ein "neues" , nach Möglichkeit unentfremdetes Bewusstsein kommen in diesem Kostümfest nicht ohne Rückgriffe auf das Abgetane, auf das heute bereits Überwundene aus. Dath verheddert sich in ebenjenen Fallstricken, die die Dialektik der Aufklärung so umwegig machen - zum sauren Geschäft zumal der Kunst.

Nicht ohne Verblüffung darf man daher die Entscheidung quittieren, Die Abschaffung der Arten auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2008 zu setzen. Um es mit den Morphemen des sprechenden Esels Storikal, einer besonders burlesken Figur aus dem Dath'schen Evolutionszirkus, auszudrücken: "borgomompfoppelgock" ! Und der Wolf und der Luchs sagen einander Gute Nacht. (Ronald Pohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.09.2008)

Dietmar Dath, "Die Abschaffung der Arten" . Roman. € 24,80 / 560 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008

  • Dietmar Daths biochemischer Lunapark wirkt, obzwar streng
wissenschaftlich ausgerichtet, rein mythogen. Es ist zweifelhaft, ob
Fantasy-Literatur den Fortschritt befördert. Ein Evolutionstrick:
Dietmar Dath stellt Spekulationen an.
    foto: suhrkamp

    Dietmar Daths biochemischer Lunapark wirkt, obzwar streng wissenschaftlich ausgerichtet, rein mythogen. Es ist zweifelhaft, ob Fantasy-Literatur den Fortschritt befördert. Ein Evolutionstrick: Dietmar Dath stellt Spekulationen an.

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