EU als „Sondermülldeponie für innenpolitische Probleme"

26. September 2008, 19:16
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Wer ist schuld daran, dass die europäische Öffentlichkeit nicht funktioniert? Europaparlamentarier und Medienleute liefern unterschiedliche Antworten

Salzburg - Die Elefantenrunde war eine übermächtige Konkurrenz, Regenwetter und Uni-Ferien taten ihr Übriges: Eine Podiumsdiskussion über EU-Skepsis und die Rolle der Medien am Donnerstagabend an der Universität Salzburg spiegelte das mangelnde Interesse an der Europapolitik recht drastisch wieder. Gerade einmal 40 Leute hatten sich in den Hörsaal verirrt, um den Ausführungen von Europaparlamentariern und Journalisten zum Thema „Europa außer Rand und Band" zu lauschen - der Titel war einer Schlagzeile der Kronen Zeitung entnommen.

Rote Teppich und wehende Fahnen

In einem Punkt waren sich alle Teilnehmer einig: Die Politik auf Unionsebene werde viel zu langweilig dargestellt: Fernsehberichte, die mit schlagenden Autotüren, roten Teppichen, Männern in Anzügen und wehenden Fahnen illustriert würden, lockten niemanden hinter dem Ofen hervor. Radiobeiträge über EU-Gipfel einzuleiten mit den Worten „Schon wieder eine Sitzung, die keine Ergebnisse gebracht hat", sei kein guter Journalismus, kritisierte der SPÖ-Europaabgeordnete Hannes Swoboda. Er verstehe nicht, warum man nicht stattdessen die unterschiedlichen inhaltlichen Positionen darstelle, sagte Swoboda: „Sie können zum Beispiel die wesentlichen Zielsetzungen des neuen EU-Vertrags in vier bis fünf Punkten darstellen. Das sind dann Themen, über die man diskutieren kann."

Reitan: Massenblätter „überfordert"

Für viele Medien sei das einfach zu kompliziert, sagte Claus Reitan, Chefredakteur der Furche. Von Gratis- und Massenblättern könne man keine Aufklärung über die Arbeit von Europaparlamentariern verlangen - sie seien damit schlicht „überfordert". In früheren Jahren sei es noch leichter gewesen, mit EU-Themen in den Zeitungen unterzukommen, berichtete Otmar Lahodynsky vom Profil über seine Zeit als Brüssel-Korrespondent der Presse. Heute hätten zwar fast alle Zeitungen ihre Korrespondenten in Brüssel; Platz gebe es aber kaum mehr, auch weil kaum eine Zeitung eine eigene Seite für Europapolitik reserviere.

Der grüne EU-Abgeordnete Johannes Voggenhuber sieht das Problem weniger bei den Journalisten als bei ihren Chefredakteuren und Verlegern. Diese hätten zumeist „keine Ahnung" von Europapolitik - und auch kein Interesse, der Diskussion über europäische Themen Raum zu geben. Boulevardzeitungen wie Bild, die Sun oder die Kronen Zeitung, „das sind in ihren Ländern gewaltige politische Mächte, die eventuell sogar über die Zusammensetzung der Regierung entscheiden können", schimpft Voggenhuber.

Europäische Öffentlichkeit ist nicht gewollt

Obwohl die Menschen überall in Europa die gleichen Diskussionen über die gleichen Themen führten, werde jeder Ansatz einer europäischen Öffentlichkeit von nationalen Politikern und nationalen Medien unterbunden. Politiker in den einzelnen Staaten bräuchten die Union nur „als Sondermülldeponie für ihre nationalen Probleme".

WAZ: Gleich viel Raum wie Innenpolitik

Andreas Rudas von der WAZ-Zeitungsgruppe stellte die Europaberichterstattung der Zeitungen seines Verlagshauses indes als vorbildlich dar: Die WAZ verlange, dass in ihren Medien der EU-Politik gleich viel Raum gegeben werde wie der nationalen Innenpolitik. Der WAZ-Korrespondentenpool in Brüssel sei gleichzeitig eine Redaktionsgemeinschaft, in der sich die einzelnen Journalisten thematisch spezialisieren könnten. Einzig für die Kronen Zeitung gelte das „leider" nicht, schränkte Rudas ein. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 26.09.2008)

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