"Wählen" - Wo ist das Kreuzerl?

26. September 2008, 14:51
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Sieglinde Rosenberger und Gilg Seeber schreiben über die "bedeutendste politische Partizipationsform", an der sich immer weniger Bürger beteiligen

"Ist es rechtens, dass das Recht Pflicht ist?" Das ist eine der Fragen, die sich die AutorInnen des Buches "Wählen" stellen. Nur noch Belgien, Griechenland, Luxemburg und einige Schweizer Kantone sehen für ihre BürgerInnen eine Wahlpflicht vor. Allerdings ist die Pflicht auch dort eher eine moralische - die Sanktionen sind minimal. Und dennoch: Die Wahlbeteiligung geht in allen europäischen Ländern zurück. Kann eine Pflicht zur demokratischen Beteiligung da Abhilfe bieten?

Das Buch "Wählen" hält sich bei dieser und bei anderen Grundsatzfragen mit Urteilen zurück, es bietet vielmehr eine Sammlung an Fakten, Sichtweisen und Zitierungen, die es dem Leser leichter machen, sich sein eigenes Bild zu machen. Wahlrecht, Wahlsysteme, Wahlverhalten, Wahldemokratien und das Abstimmen selbst werden historisch und politologisch leicht verständlich ausgearbeitet. Dass auf 109 Seiten nicht die ganze Welt der Demokratie erklärt werden kann ist verständlich, aber auch ein bisschen schade. Dass etwa das Thema E-Voting auf einer Seite und der Themenkreis Mehrheits- und Verhältniswahl auf zwei Seiten abgehandelt wird, führt dazu, dass für den politisch bewanderten Leser nicht sehr viel Neues enthalten ist. Aber das kann man dem Buch nicht zum Vorwurf machen, ist es doch in einer Reihe erschienen, die unter dem Titel "klar-knapp-konkret" läuft.

Ein interessanter internationaler Abriss zeigt, wie repräsentative Demokratie anderswo funktioniert. Europäische Referenden über die Verfassungsverträge, das klassische britische System der Mehrheitswahl und das Ausländerwahlrecht in nordeuropäischen Staaten sind etwa behandelt. Ein Nebenschauplatz, aber kein unwichtiger: Während politikwisschenschaftliche Werke dazu neigen, erschöpfende (oder erschlagende) Literaturverzeichnisse mitzuliefern, kommen Internetquellen oft zu kurz. Hier nicht, von den internationalen Parlamenten bis zu Studienergebnissen sind Verweise vorhanden.

Und das eine oder andere weise Wort zum Schluss beeinhaltet "Wählen" auch: Die Wahlbeteiligung hänge am stärksten davon ab, ob die Menschen den Eindruck hätten, in der Politik gehe es um viel. Das dürfte ein Gefühl sein, dass - aus welchen Gründen auch immer - Vielen verloren gegangen ist. (Anita Zielina, derStandard.at, 26.9.2008)

Info zum Buch
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Sieglinde Rosenberger, Gilg Seeber
Verlag UTB, Stuttgart; Auflage: 1 (16. April 2008)

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