Verlorene AkademikerInnen

26. September 2008, 11:38
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Mehr als die Hälfte der MigrantInnen mit Uni-Abschluss in Wien sind nicht adäquat oder gar nicht beschäftigt - Für Experten liegt das Problem vor allem an den Institutionen

Sieben Jahre hat Iqbal Mirza in Pakistan studiert, zwei Jahre als Kardiologe gearbeitet. Seit fünf Jahren lebt er in Österreich, und hier zählt seine Ausbildung und Berufserfahrung nichts: "Ich habe schon viermal probiert, an die Uni zu kommen. Aber weil ich ein Asylwerber bin, habe ich keine Chance." Sein Studium wird nicht anerkannt, Arbeitserlaubnis hat er keine.

Mirza ist kein Einzelfall. "In Wien sind von 25.000 MigrantInnen aus Nicht-EWR-Ländern rund 14.000 mit Hochschulabschluss nicht adäquat oder gar nicht beschäftigt, in den Bundesländern sind es zusätzlich 10.000", weiß August Gächter, Migrationsforscher vom Zentrum für Soziale Innovation.

"Beratung hat ihre Grenzen"

Für das Integrationshaus war das der Anlass, an der Universität eine Bildungsmesse für MigrantInnen zu veranstalten: „Denn der Zugang zur Hochschulausbildung ist für sie schwer." Neben Gächter erzählte Norbert Bichl am Podium von seinen Erfahrungen als Leiter des Beratungszentrums für MigrantInnen: „Beratung hat ihre Grenzen. Viele Forschungen konzentrieren sich immer auf die MigrantInnen und ihre Einzelschicksale." Das Problem sieht er allerdings woanders: "Es sind Institutionen, die nichts dagegen haben, wenn diese Leute nicht in den Arbeitsmarkt reinkommen. Da sollte man nachforschen!"

Eingewanderte AkademikerInnen werden nicht nur unterqualifiziert eingesetzt, sondern auch unterbezahlt: "Facharbeiter bekommen oft nur einen Hilfsarbeiterlohn", so Bichl. Das bestätigt Gächter: "Ein Akademiker mit ausländischem Abschluss verdient im Schnitt soviel wie ein Österreicher mit Lehrabschluss."

Gefragt im Sozialbereich

Eine weitere Zahl, die die Experten besorgt: "Nur zwei Prozent der Studierenden in Österreich kommen aus außereuropäischen Entwicklungsländern. Das ist erschreckend wenig", meint John Evers von der Volkshochschule Ottakring. Der Grund sei nicht nur mangelnde Internationalisierung, sondern auch Diskriminierung.

Das Problem liege in der Nostrifizierung, also in der Anerkennung von ausländischen Studien in Österreich, sind sich die Experten einig. "Da werden nur die Lehrpläne verglichen. Die Erfahrungen und Kompetenzen werden nicht einbezogen", erklärt Bichl.

Doch es gibt auch Institutionen, die gezielt nach MigrantInnen suchen. Barbara Bittner begrüßt als Leitern des Studienganges Soziale Arbeit an der FH Campus Wien Studierende mit Migrationshintergrund. "Denn in der Praxis arbeiten sie oft mit AusländerInnen. Da ist nicht nur die Sprache, sondern auch die interkulturelle Kompetenz gefragt. Und die bringen MigrantInnen aus ihrer Heimat mit." (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 26. September 2008)

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    In der alten Heimat Akademiker, in der neuen Heimat Hilfsarbeiter.

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