Mobiles Internet bedroht die Open-Air-Events

26. September 2008, 09:06
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Der Hunger des Mobilfunks auf immer neue Frequenzen bedroht Kulturbetriebe: Für das Internet wollen die Provider den Teil des Spektrums, auf dem Funkmikros von Seebühnen bis zur Donauinsel unterwegs sind.

Tick, tack, tick, tack. Die Zeit läuft aus, und das nicht nur für Madonna auf der Donauinsel, sondern für alle Open-Air-Events in Österreich und Europa, von der Seebühne in Bregenz bis zur Seebühne in Mörbisch, vom Wolkenturm in Grafenegg bis zum Opernfestival in der Arena di Verona.

Freie Frequenzen für mobiles Internet

Denn geht es nach den Plänen von EU-Kommission, Wirtschaftsministerium und Mobilfunkern, dann wird im Zuge der Digitalisierung der Frequenzkuchen des bisher vor allem von analogem TV besetzten UHF-Bands neu aufgeteilt. Die frei werdenden Frequenzen sollen, nebst terrestrischem digitalem TV (DVB-T) und digitalen Handy-TV (DVB-H), dem mobilem Internet zugeschlagen werden.

Funkmikrofone am Feuerwerkfest

Auf der Strecke bliebe dabei eine Frequenznutzung, ohne die eine florierende Konzert- und Eventkultur mit jährlich hunderten Millionen Zuschauern ebenso wenig existieren könnte wie Feuerwehrfest oder Sportveranstaltungen: Funkmikrofone und Funkkopfhörer - bei jedem Konzert hundertfach installiert -, ohne die Madonna und Co. verstummen.

Wichtig für Live-Musik

Derzeit nutzen Funkmikros den Bereich rund um 800 Megahertz. Seit der TV-Digitalisierung werden sie auch dort bereits bedrängt. Dabei sei für Live-Musik diese Frequenz besonders wichtig, erklärte Alexander Kränkl, Geschäftsführer von Grothusen, Marktführer für drahtlose Tonübertragung: "Die Digitaltechnik ist bei der Übertragung von Musik und Sprache im Livebereich nicht brauchbar, weil Digitalströme bei Störungen abreißen, während Analogströme Toleranzen haben."

In der Hackordnung unten

Unter den immer zahlreicher werdenden Nutzern des Funkspektrums, von Radio, TV und Mobilfunk bis zu Richtfunk und Militär, sind die Funkmikrofone (ebenso wie die Funkstöpsel fürs Ohr) quasi das Prekariat: In der Hackordnung sind sie nur ein "Sekundärdienst", während TV oder Mobilfunk Primärdienste sind.

Der kleine Unterschied: Überall dort, wo sich zwei Funkquellen ins Gehege kommen, muss der Sekundärdienst weichen. Es genügt die Beschwerde eines TV-Senders, dass sein Empfang irgendwo gestört sei, schon rückt die Funkpolizei des Fernmeldebüros aus, um Störefriede zu arretieren und nahegelegene Minisender wie Funkmikros stillzulegen.

Gebühren für Frequenznutzung

Dabei zahlen auch die Benutzer von Funkmikros Gebühren für die Frequenznutzung, und das in nicht geringem Ausmaß: 108 Euro sind beim Kauf jedes Mikros zu zahlen, ein Drittel des Wertes billigerer Funkmikros - dafür genehmigt das Verkehrsministerium die Nutzung eines Kanals "bis auf Widerruf". Braucht man mehrere Kanäle, damit sich die Mikros nicht gegenseitig in die Quere kommen, sind die 108 Euro mehrfach fällig.

Bei großen Open-Air-Events geht das ins Geld: Die Seebühne in Bregenz beispielsweise braucht 60 Kanäle für ihren Betrieb, Madonna fand vergangenen Dienstagabend erst mit 150 das Auslangen, für die Ausrichtung der EURO im Juni waren 750 Kanäle nötig.

In Deutschland gratis

Nicht überall ist für die Benutzung von Funkkanälen zu bezahlen: In Deutschland dürfen Mikros gratis funken. Nicht wenige heimische Kleinveranstalter wie Feuerwehrfeste und Kirtage ziehen es darum vor, auf die Anmeldung "zu verzichten", beschreibt Kränkl. Auch darum fällt es den Betroffenen schwer zu lobbyieren: Denn ein Großteil der geschätzten 25.000 Benutzer jährlich, die wiederum für ein Millionenpublikum Events produzieren, funkt "schwarz", kann darum schlecht protestieren.

"Aus für Kulturtourimus"

2007 beschloss die Weltradiokonferenz, die Frequenzen zwischen 790 und 862 Megahertz für Internet im ländlichen Raum neu zu vergeben. "Das sind die Guten, wer will schon verhindern, dass es am Land drahtloses Breitband gibt", sagt Kränkl, obwohl es dafür andere Technologien und andere Frequenzen gebe. Inzwischen weiteten die Mobilfunker ihre Begehrlichkeit auf das Spektrum von 470 bis 862 Megahertz aus. Viel Zeit für Widerstand bleibt nicht: Bereits Anfang 2012 wollen die Mobilfunker auf diesen neuen Frequenzen unterwegs sein. Tick, tack, tick, tack. "Das wäre das Aus für den Kulturtourismus in Österreich", befürchtet Kränkl. Der technische Direktor der Bregenzer Seebühne erwägt darum, die Festspiele als TV-Anstalt anzumelden - damit würde er zum Primärdienst. (Helmut Spudich/ DER STANDARD Printausgabe, 26. September 2008)

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    Geht es nach Behörden und Mobilfunk, werden Events von der "Tosca" in Bregenz bis Madonna auf der Donauinsel bald verstummen.

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