Reportage: Draußen Remmidemmi, drinnen so lala

26. September 2008, 08:58
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Einmarsch der Elefanten im Regen - Aufmarsch der Funktionäre neben dem Ring

"Das ist typisch, dass der Sascha als Letzter kommt." Der Sascha heißt im Wahlkampf "VdB" und im wirklichen Leben Alexander Van der Bellen. Langmut ist eine seiner Stärken. Und so schlendert der Grünen-Chef um Viertel vor Acht, grün beschirmt, Blasmusik-begleitet, ins Parlament. Da sind die anderen "Elefanten" schon drin.

Wilhelm Molterer kommt als Erster, was auch irgendwie typisch ist. Sieben nach Sieben schreitet der ÖVP-Chef durch das Spalier junger "Molterer-Enthusiasten" wie Adam einer ist, der am Willi mag, "dass er sich so verkauft, wie er ist: verlässlich und nachhaltig" . Die Ballons der Schwarzen sind gelb, die Transparente verheißen "Ganz Österreich für Molterer" .

Wo die ÖVP-Fans auf Fußballplatz machen und "Hier regiert die ÖVP!" skandieren, geht‘s auf der Hinterseite des Parlaments vor dem SPÖ-Eingang wie vor einem Boxkampf zu. Rote Ballons zum Triumphbogen zusammengebunden. Nicht nur die Pointer Sisters sind "so excited" . Eine junge Frau fragt: "Wo ist der Werner?" Der Werner? "Unser nächster Bundeskanzler!" ruft der Einpeitscher und begrüßt im Regen "Miiister Weeerner Faaaymann!" . Der hat als Entourage Doris Bures und Sozialminister Erwin Buchinger mit. Die Frisur hält unterm Schirm.

Am Ring fährt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache vor. Blaue Fans legen blaue Leuchtketten auf den Boden, die dem Gladiator den Weg weisen. Die nahen grünen Zaungäste schreien "Buh!" hinüber.
Orange Ballons? Keine. BZÖ-Chef Jörg Haider fand trotzdem den Weg zum Runden Tisch.
Im Gegensatz zum Spektakel draußen ist die Stimmung drinnen hochdiszipliniert. In der Parlamentscafeteria starren Berater, Mitarbeiter, Funktionäre ab 20.15 Uhr gebannt auf zwei TV-Schirme, auf denen ihre Chefs, die nur zwei Türen weiter sitzen, gegeneinander andiskutieren. An den Stehtischen wird eine nach der anderen geraucht, Nikotin-Abstinenzler greifen bei den Krautfleckerln zu.

Als Molterer die anderen Parteichefs für nächsten Dienstag, Punkt 14.00 Uhr, zu sich Finanzministerium für einen Kassasturz wegen der teuren Beschlüsse im Nationalrat lädt, grinsen Generalsekretär Hannes Missethon und der schwarze Stab wissend. "Ist er nicht sympathisch? Er macht das persönlich, nicht per Aussendung" , witzelt einer. Missethon sagt zufrieden: "Das ist endlich einmal ein disziplinierter Diskurs."

Der grüne Bundesparteisekretär Lothar Lockl nimmt an einem Nebentisch befriedigt zur Kenntnis, dass VdB, "nix vergessen" hat, als dieser für den Fall einer Regierungsbeteiligung seine ersten Vorhaben aufzählt. Dafür findet ein anderer Grüner die Debatte zum Gähnen: "Ich such‘ jetzt die Fernsehbedienung zum Umschalten."

Fadesse macht sich ab der Halbzeit auch an einem "roten" Tisch breit. Statt dem Vorsitzenden zu lauschen, spielen zwei Genossen auf Zetteln lieber Dodelschach. (Lisa Nimmervoll, Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2008)

  • Faymann traf mit rotem Regenschirm ein.
    foto: standard/corn

    Faymann traf mit rotem Regenschirm ein.

  • Molterer-Fans vor dem Parlament.
    foto: standard/corn

    Molterer-Fans vor dem Parlament.

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