Liebe ist die größte Kraft

25. September 2008, 19:28
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Leonard Cohen gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien - Eines seiner schönsten neuen Lieder kommt ohne Melodie aus, es steht in seinem Buch der Sehnsüchte. Es handelt sich dabei um eine Sammlung während eines fünfjährigen Aufenthalts in einem Zen-buddhistischen Kloster entstandener Gedichte, Lieder und Epigramme. Der Sweetest Little Song geht in voller Länge so: "Mach ruhig, was du willst/ Ich mach auch, was du willst." Schöner und gelassener lässt sich eine von der Last des Eros befreite späte Liebe nicht auf den Punkt bringen.

Beim ersten seiner zwei Konzerte fügte der 74-jährige Poet Leonard Cohen dennoch einige weitere wesentliche Notizen zu seinem großen Lebensthema hinzu. Wie heißt es etwa in The Future, dem fröhlichsten Weltuntergangsschlager der Musikgeschichte? Cohen brummt die hier enthaltene Paraphrase aus dem Johannes-Evangelium gleich am Beginn seines Auftritts mit Grabesstimme: "I've seen the nations rise and fall / I've heard their stories, heard them all / but love's the only engine of survival." Der Weise steigt mit nicht immer froher Botschaft herunter vom Berge. Aber er lässt sich die Laune deswegen nicht verderben.

Mit hervorragender Band, darunter Sängerin Sharon Robinson und der Bandurria-Spieler Javier Mas, tastet sich Cohen souverän und demütig durch sehr leise und behutsam interpretierte Stücke wie Take This Waltz, First We Take Manhattan, If It Be Your Will oder I Tried To Leave You.

Ein oft ergriffen auf die Knie gehender alter Sünder und Schwerenöter, eine gütige Vaterfigur, ein bärbeißig nach Leben gierender Lehrmeister, der sich über das eigene Vermögen zur pathetischen Pose heute vor seiner Gemeinde sichtlich amüsieren kann. Wir hören Ain't No Cure For Love und Who By Fire. Die für manche Träne der Rührung sorgende Anthem erklingt. So long, Marianne, und Suzanne sowieso.

"Leben ist eine Droge, die aufhört zu wirken" , meint Cohen im Buch der Sehnsüchte. Hier irrt der Meister möglicherweise. Darauf in der Garderobe dann einen alten Cognac. Hallelujah! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.9.2008)

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Lange Nacht beim Cohen und im Parlament

  • Leonard Cohen.
    foto: cremer

    Leonard Cohen.

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