Die Lange Nacht der Politik

25. September 2008, 14:46
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Die vergangene Parlamentssitzung war eine Sternstunde des Parlamentarismus, der hoffentlich noch viele weitere folgen werden

"19 Stunden lang Nationalratssitzung" - Was sich anhört wie ein rezeptpflichtiges Schlafmittel, war ganz im Gegenteil eine Sternstunde des Parlamentarismus in diesem Land. Es wurde debattiert und verhandelt wie selten zuvor, kaum ein Ergebnis der vielen Abstimmungen konnte mit Sicherheit vorausgesagt werden. Es begann um neun Uhr früh mit einer Aktuellen Stunde und endete um Viertel nach vier in der Früh mit der Schließung der XXIII. Gesetzgebungsperiode samt Auflösung des Parlaments. Dazwischen waren eine Vielzahl wechselnder Koalitionen, parlamentarische Tricks (zB die versuchte ÖVP-Volksabstimmung zu den Studiengebühren) und - natürlich - auch Packeleien zwischen den Fraktionen. Das alles aufmerksam und bis zum Schluss verfolgt von einer interessierten, neugierigen Zuhörerschaft, auf den diversen Live-Streams und hier bei derStandard.at.

Wenn dann um zwei Uhr früh eine Grüne Abgeordnete, nämlich Barbara Zwerschitz, ans Redepult tritt und zuallererst den Usern von derStandard.at für die "superspannenden Kommentare" dankt, und dem ganzen Plenum empfiehlt, hier mitzuposten, dann ist klar: Politikverdrossenheit war gestern.

Möglich gemacht hat das ein frischer Wind der wechselnden Mehrheiten, ein "Wind of Change" sozusagen, ausgelöst durch die vorgezogene Nationalratswahl. Und, natürlich: Das Wissen, beobachtet zu werden, sorgte garantiert für den einen oder anderen Adrenalinzuwachs unter den Parlamentariern, bis zuletzt. "Die Möglichkeit, live dabei zu sein, bewirkt bestimmt einen Motivationsschub. Es wurden ja bis zum Schluss immer wieder neue Anträge eingebracht", resümierte User "Wolfgang Bernhuber" in unserem Live-Bericht.

Und genau so soll es auch sein! Diskutieren, selbstverständlich auch streiten über die Zukunft dieses Landes, in aller Öffentlichkeit und unter Darlegung aller Argumente, transparent und nachvollziehbar. Und zwar genau dort, wo diese Zukunft beschlossen wird: im Parlament.

Was hat dieses Land nicht schon alles gesehen: Die Lange Nacht der Kirchen, der Museen und der Forschung - alles schon etabliert. Jetzt ist wieder mal etwas Neues entstanden: Die Lange Nacht der Politik. Hoffentlich folgen noch viele weitere. (Martin Putschögl, derStandard.at, 25.9.2008)

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