Pleitewelle erfasst immer mehr Privatpersonen

25. September 2008, 17:46
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Während die Unternehmenspleiten in den ersten drei Quartalen 2008 stabil waren, stiegen die Privatkonkurse stark an

Während die Unternehmenspleiten in den ersten drei Quartalen 2008 stabil waren, stiegen die Privatkonkurse stark an. Das dürfte sich auch nicht ändern, leben doch 300.000 Haushalte in prekären Finanzverhältnissen.

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Wien - Weder bei Firmen- noch bei Privatkonkursen gibt der Kreditschutzverband von 1870 (KSV 1870) aufgrund der Zahlen der ersten drei Quartale 2008 Entwarnung: Zwar ist die Zahl der Unternehmenspleiten stabil geblieben (siehe Grafiken), aber: "Das stammt aus der Zeit vor der Lehman-Pleite", sagt Hans-Georg Kantner, Leiter der Insolvenz, pessimistisch, der allerdings von keinem dräuenden "Insolvenzsturm" sprechen will. "Wir wissen, dass Insolvenzzahlen der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung um sechs bis zwölf Monate hinterherhinken."

Was die bisher größte Unternehmens-Insolvenz betrifft, wurde für die Biodiesel Enns kürzlich eine Auffanglösung gefunden: Die IHC Zukunft GmbH, ein Tochterunternehmen einer Stiftung der Raiffeisenlandesbank (RLB) Oberösterreich, gab am Freitag bekannt, um 36 Millionen Euro die Anlage übernehmen zu wollen.

Ein klar pessimistisches Bild ergibt sich bei den Privatkonkursen, die heuer bisher um 17,6 Prozent über dem Vergleichszeitraum liegen. Dies werde sich auch nicht so schnell ändern, erwartet Hans Grohs, Geschäftsführer der Dachorganisation der Schuldnerberatungen, asb: "Wenn rund 300.000 Haushalte an der Grenze zur Zahlungsunfähigkeit stehen, ist die Zunahme der Privatkonkurse eine langfristige Entwicklung".

Dabei beobachten die Experten immer häufiger zwei Arten von Schuldnern: Die "echten Privaten" , deren prekäre finanzielle Situation aus zu vielen Krediten bei Banken, Versandhandel und Telekomunternehmen resultiert. Häufig getoppt von Rückständen bei Unterhaltszahlungen, offenen Mieten, Strom- und Gasrechnungen. Diese Personen schulden ihren Gläubigern im Durchschnitt Euro 50.000.

Insolvente Ich-AGs

Daneben gibt es die Gruppe der ehemaligen Unternehmer. Grohs schätzt, dass jede fünfte Person, die ein Gespräch bei einer der Schuldnerberatungsstellen sucht, versucht hat, als Selbstständiger zu reüssieren. Und Kantner schätzt, dass bald ein Drittel der verschuldeten Privatpersonen auf das Konto ehemaliger Selbstständigkeit zurückgeht. Die Verbindlichkeiten sind dabei mit durchschnittlich 250.000 Euro wesentlich höher als bei den Pleitiers, für die das Privatkonkursrecht eigentlich gemacht wurde.

Angesichts dieser Entwicklung urgiert Grohs, die gescheiterten Selbstständigen schon früher zu beraten. Seiner Meinung nach müsste die Wirtschaftskammer, die von den vielen Jungunternehmern ja auch profitiert, eine Liquidierungsberatung einführen. "Denn wenn man mal zu uns in die Schuldnerberatung kommt, ist die Finanzsituation bereits sehr verfahren."

Liquiditätsberatung

Im Zuge einer Novelle des Privatkonkursrechtes - eine solche wurde bereits ausverhandelt, muss aber wegen der anstehenden Wahlen geschoben werden - ist vorgesehen, die Privatkonkurse zu beschleunigen. Denn in der Regel dauert es zwischen dem Eintritt der Zahlungsunfähigkeit und einem Aktivwerden des Gerichtes drei Jahre. Und in dieser Zeit kann sich aufgrund von Zinsen, Bankgebühren und sonstigen Umschuldungskosten eine offene Schuld fast verdoppeln. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2008)

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