Lebenslust unbequemer Geister

24. September 2008, 19:32
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Ausstellung über den "unfassbaren Arthur Cravan" im Zürcher Cabaret Voltaire

Ein mysteriöses Fortleben nach dem Tod attestierte er seinem Onkel, dem Schriftsteller Oscar Wilde. Und auch Arthur Cravan selbst - "Weltmann, Hure, Saufbold, Kaktus und Giraffe" zugleich - spukte, obwohl 1920 für tot erklärt, noch lange in den Köpfen seiner Bewunderer herum. Sein Verschwinden mit einem Boot an der Pazifikküste 1918 schürte die Legenden.
Dem "unfassbaren Arthur Cravan" - mit bürgerlichem Namen Fabian Avenarius Lloyd -, einem Dadaismus-Vorläufer, der in Paris drastische Künstlerbeschimpfungen publizierte und bei Soireen Prostituierte balancierte, widmet das Cabaret Voltaire eine Ausstellung. Seit vier Jahren weht dort, in der Zürcher Spiegelgasse, wo Dada 1916 geboren wurde, wieder sein revolutionärer, unbequemer Geist.

Das Gespensterdasein könnte für das Cabaret Voltaire aber bald gruselige Wirklichkeit werden, denn die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) wünscht das Ende der Subvention. Die Stadt solle ihr finanzielles Engagement auf etablierte Betriebe konzentrieren, empfiehlt der Zürcher SVP-Chef Rolf Siegenthaler, auf "Leuchttürme wie Opern- und Schauspielhaus". Auch mit Hohn spart er nicht: "Dada ist ohne jede staatliche Förderung entstanden."

Versteht die SVP, was Dada ist? "Ja", meint der Co-Direktor des kleinen Hauses, Adrian Notz, "deswegen sind sie dagegen." Obwohl der Gemeinderat im Jänner mit 85 zu 36 Stimmen bereits die Förderung von 198.000 Euro (315.000 Franken) beschlossen hatte (Gesamtkulturbudget Zürich: rund 40 Millionen Euro), strengte die SVP ein Referendum an. Nun dürfen am 28. September die Zürcher entscheiden, ob sie sich das unbequeme Andenken weiter leisten möchten. Denn im Ahnenkult allein erschöpft sich das Cabaret Voltaire, das auch von privaten Sponsoren unterstützt wird, nicht: Mit aktuellen, durchaus provokanten Projekten suche man danach, wie Dadaismus heute aussehen würde. "Gedichte würden sie heute sicher keine mehr zerlegen." (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.9.2008)

Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, 8001 Zürich. Bis 31. 12.

Link: www.cabaretvoltaire.ch

  • Cravan erfuhr erst nach dem Tod Wildes, dass dieser sein Onkel war: Er beschloss, Künstler zu werden.
    foto: cabaret voltaire

    Cravan erfuhr erst nach dem Tod Wildes, dass dieser sein Onkel war: Er beschloss, Künstler zu werden.

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