
Ein Freund neuer Technologien: Der Geiger Julian Rachlin kauft CDs gerne im Internet.
Zuvor ist er bei den erstmals stattfindenden Musiktagen in Dürnstein zu hören.
Wien - Was ein Geiger ist, scheint an sich nicht sonderlich schwer eruierbar zu sein - obwohl: "Ich war bei Pinchas Zukerman in New York, um bei ihm zu studieren" , erzählt Julian Rachlin, "und der meinte: ,Wer die große Chaconne von Bach noch nicht gespielt hat, ist kein Geiger!‘ Nach diesen Kriterium habe ich also erst im Mai mein Debüt als Geiger gehabt!" Nach den üblichen, etwas milderen Maßstäben ist der 1974 in Vilnius geborene Virtuose, der als Vierjähriger mit seinen Eltern aus Litauen nach Österreich kam, allerdings schon ziemlich lange mit dem Begriff Geiger in Verbindung zu bringen.
2008 feiert er als 33-Jähriger bereits sein 20. Bühnenjubiläum, er gibt an die 100 Konzerte pro Jahr. Und selbst wenn man nebst quantitativen Kriterien für den Geigerberuf auch "unangenehme" Aspekte für unerlässlich hält, auch damit kann Rachlin dienen. Zunächst war da, wie bei vielen Sonderbegabungen, eine gewisse Unbeschwertheit. Mit 17 jedoch kam die Krise, Rachlin hatte begonnen, "zu viel zu reflektieren, und zwar nicht nur beim Üben, was an sich wichtig sein kann" .
Das Grübeln zog sich bis in die Konzerte hinein, und das musste zu Verkrampfungen führen, die sich Rachlin nicht anmerken ließ, aber sehr wohl fühlte. Längst vorbei. Er wirkt ausgeglichen, hat sich entwickelt, die Viola wählte er als zweites Instrument. Und auch sonst lässt er nicht viel Zeit ungenutzt verstreichen; da ist sein Festival in Dubrovnik und eines im Waldviertler Pernegg (10. bis 13. Juni 2009).
Gefühl der Freiheit
Er ist zwar nicht mehr an eine CD-Firma exklusiv gebunden. Dadurch aber "bin ich eine Art freier Vogel. Ich kann einfach Projekte bei verschiedenen Firmen realisieren und muss mir keine Sorgen mehr um Vertragsbindungen machen, die mich zu sehr hemmen. Früher hatte man keine Chance für eine Weltkarriere im Konzertbereich, wenn man nicht einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma vorweisen konnte. Man wurde nicht gebucht. Mittlerweile interessiert das niemanden mehr."
So sieht er die Probleme der CD-Firmen eher entspannt, und die neuen Technologien haben in ihm einen Kunden: "Ich bemerke die Änderungen der Branche an mir selbst. Ich kaufe fast alle CDs nur noch übers Internet, lade viel runter. Natürlich, ich schäme mich ein bisschen dafür, aber es ist ungemein praktisch. Wenn ich am Flughafen bin und ein Werk hören will, dass ich gerade einstudiere, dann gehe ich in den iTunes-Store und habe das schnell auf meinem iPod. Minuten später sitze ich im Flieger und kann das Werk studieren."
Natürlich können auch Rachlins Ideen runtergeladen werden. "Ich habe bei einem Pilotprojekt, einem iTunes-Festival, mitgemacht. Da wurden in Berlin zwei Wochen lang Konzerte aufgenommen, die dann verfügbar sind. Die Zeiten ändern sich eben." Manches allerdings nicht. Immer noch muss man auf die Bühne gehen und als Gestalter mit den Noten und den eigenen Nerven fertigwerden.
Doch wenn's einmal nicht so gut läuft, wer weiß, vielleicht denkt Rachlin auch an jene vielen trostreichen Geschichten, die ihm etwa auch der verstorbene Jahrhundertcellist Mstislaw Rostropowitsch erzählt hat. Eine davon handelt jedenfalls von der allzu menschlichen Seite des Betriebes. "Da ist zum Beispiel die Geschichte rund um die Uraufführung von Jean Sibelius' Violinkonzert.
Rostropowitsch saß also mit Sibelius bei der Moskauer Uraufführung, Solist war David Oistrach. Im Dritten Satz hat Oistrach plötzlich einen schrecklichen Hänger. Klar, es ist ihm unendlich peinlich, er flüchtet ins Hotel, sperrt sich in sein Zimmer ein und will niemanden sehen. Sibelius und Rostropowitsch eilen ihm natürlich hinterher, kaufen an einer Tankstelle drei Flaschen Wodka. Es hat zwar gedauert, bis sie Oistrach in sein Zimmer hineinließ. Dann allerdings hätten sie sich, so Rostropowitsch, ordentlich zugeschüttet."
Sollte Rachlin allerdings in Dürnstein, wo er bei den Musiktagen gastieren wird, nach dem Konzert mit Festivalmacher Béla Koreny einen heben, so wohl nicht wegen einer missglückten Performance. Eher wird man feuchtfröhlich jener schönen Zeit gedenken, als man in Korenys "verblichener" Wiener Broadway Bar angenehme Stunden verbrachte. (Ljubiša Tošić / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.9.2008)
4. bis 13. Oktober, Musiktage Dürnstein
Link: internationalemusiktageduernstein.at
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