Gewalt im Internet "modern"

24. September 2008, 15:48
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Psychologin nach Gewalttat in Finnland: Ankündigungen immer ernst nehmen, Verständnis zeigen und gewaltfreie Lösungen anbieten

"Es gibt immer Ankündigungen", sagte Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner nach dem Massaker an einer finnischen Schule im APA-Gespräch. "Und solche Ankündigungen sind immer ernst zu nehmen." Vor allem seit den Tragödien an der Columbine-High School und der Schule in Erfurt habe sich die Forschung stark mit diesem Thema beschäftigt.

Liegt oft Jahre zurück

In den Zimmern der Jugendlichen finde man im Nachhinein immer Hinweise, so Perner. Oft würden sie Berichte über ähnliche Fälle sammeln oder man finde sogenannte Sublimationshandlungen, also Hinweise in Form von Gedichten, Zeichnungen oder - wie im aktuellen Fall - eben im Internet. "Die Person versucht damit, ihre Gefühle in den Griff zu kriegen", erklärte sie. Solche Verhaltensweisen würden oft Jahre zurückreichen.

Ankündigungen im Web

Ankündigungen im Internet dürften dem Zeitgeist entsprechen: "Ich denke, es ist 'modern' geworden, die eigene Gewalttätigkeit filmisch im Internet darzustellen", stellte die Psychoanalytikerin fest. Gerade die Neuen Medien würden für viele Menschen eine Möglichkeit bieten, sich in einer Weise darzustellen, die man im Alltag nicht präsentieren könne. Prinzipiell betreffe das jeden - der eine spiele Theater, der andere "verblödele" das Ganze. Solange solche Sachen in einer großen Gruppe stattfinden, in der es verschiedene Meinungen gibt, sei es aber ungefährlich, meinte Perner. Problematisch werde es erst dann, wenn sich ein bis zwei Personen abschotten und eine Gegengesellschaft aufziehen.

Telefonseelsorge fragen

Wie soll man sich verhalten, wenn man derartige Hinweise bei nahestehenden Personen bemerkt? "Vor dem Ansprechen des Jugendlichen sollte man auf jeden Fall mit einer Kummernummer oder einer Telefonseelsorge reden", riet Perner. Wie die Unterhaltung mit dem Betroffenen geführt und was gesagt werde, sollte man unbedingt vorher besprechen. "Denn wenn das Gespräch im falschen Ton geführt wird, kann das etwas auslösen", warnte sie. "Die meisten Leute halten sich für sozial kompetent, sind es aber nicht."

Nicht schimpfen

Wichtig sei es, Sorge zu artikulieren, Verständnis zu zeigen, aber auf keinen Fall zu schimpfen. Dass sich die finnischen Polizeibeamten bei ihrer Befragung mit einer unbedachten Verhaltensweise - und sei es nur einem Lächeln im Mundwinkel - am Strom der Auslöser beteiligt haben, hält sie daher durchaus für möglich. Umso wichtiger sei es daher, solche Geschehnisse im Nachhinein aufzuarbeiten und das richtige Verhalten zu trainieren.

Drei potenzielle Täter in jeder Schulklasse

Krisenteams, die mit allen Beteiligten, die einwirken können, einen strategischen Plan entwickeln, fände die Psychoanalytikerin gut. Auch in Situationen wie jetzt, direkt nach einem Amoklauf, könne man mit den Jugendlichen sprechen und sie fragen: "Wie geht es euch damit?" oder "Könnt ihr euch vorstellen, was der Täter gefühlt hat?" In jeder Schulklasse sitzen laut Perner zwei bis drei potenzielle Täter. Man müsse den Betroffenen gewaltfreie Lösungen anbieten und mit ihnen trainieren, sich in Gelassenheit zu üben, denn "die Kinder und Jugendlichen heute sind mit vorbildender Gewalt nur so gefüttert", so die Analyse der Expertin. (APA)

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