Nazi-Verbrechen: Serbien ermittelt gegen Ungarn

26. September 2008, 09:29
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Sonderstaatsanwaltschaft in Belgrad schlägt die Auslieferung des 94-jährigen Sandor Kepiro nach Belgrad vor

Belgrad - Die serbische Sonderstaatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen hat am Mittwoch Ermittlungen gegen einen in Ungarn lebenden mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher eingeleitet. Dem 94-jährigen Sandor Kepiro, einem ehemaligen Gendarm, wird angelastet, im Jänner 1942 in Novi Sad an der Ermordung von mindestens 2000 Serben und Juden beteiligt gewesen zu sein und sich somit des Völkermordes schuldig gemacht zu haben.

Novi Sad gehörte damals zu Jugoslawien, war aber vom faschistischen Ungarn besetzt. Man legte einen Raster für Durchsuchungskommandos über die Stadt, und am 21., 22. und 23. Jänner 1942 wurden serbische und jüdische Zivilisten auf den serbischen Friedhof oder an das Ufer der Donau getrieben und erschossen. Ihre Leichen wurden in den Fluss geworfen.

Kepiros Name firmiert auf der vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem angefertigten Liste der zehn meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher. Die Sonderstaatsanwaltschaft in Belgrad schlug dem Justizministerium auch vor, von Ungarn die Auslieferung Kepiros zu beantragen.

Der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, hatte bei einem Besuch in Belgrad vorige Woche Wien und Budapest "mangelnden politischen Willen" vorgeworfen, mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen. Das Problem bei Gerichtsverfahren liege nicht daran, dass es schwierig sei, den Beschuldigten auf die Spur zu kommen und die notwendigen Beweise beizubringen, sondern im "mangelnden politischen Willen" der Staaten, sie der Justiz zuzuführen, so Zuroff.

Kepiro war 1944 zu zehn Jahren und 1946 zu 14 Jahren Haft verurteilt worden, doch die Urteile wurden nie vollzogen. Er war 1945 nach Österreich geflohen und drei Jahre später nach Argentinien, wo er bis 1996 lebte, dann kehrte er nach Ungarn zurück. Im Herbst 2006 spürte ihn das Wiesenthal-Zentrum dort auf. Kepiro selbst bestreitet jede Schuld.

Ein Budapester Gericht befand, dass das Urteil von 1946 nicht angewandt werden könne. Obwohl Kriegsverbrechen nach ungarischem Recht nicht verjähren, leitete die Staatsanwaltschaft kein neues Verfahren ein. (APA, awö/DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2008)

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    Ex-Gendarm Sandor Kepiro lebt seit 1996 in Ungarn.

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