Krise schadet und nützt Investitionen

24. September 2008, 17:41
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Der Wert der transnationalen Direktinvestitionen dürfte im Vorjahr die Spitze erreicht haben. Die Finanzkrise dämmt sie ein

Der Wert der transnationalen Direktinvestitionen dürfte im Vorjahr die Spitze erreicht haben. Die Finanzkrise dämmt sie ein, wenngleich es durch den Ausverkauf der US-Banken zu einer ungeplanten "neuen Welle" kommt.

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Wien - Die Hochkonjunktur der vergangenen Jahre hinterlässt deutliche Spuren in den Wirtschaftsstatistiken: Weltweit 1800 Milliarden Dollar wurden im Vorjahr an grenzüberschreitenden Direktinvestitionen getätigt, um fast ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Dies geht aus dem "World Investmentreport 2008" hervor, den die United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD, Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung) am Mittwoch präsentiert hat.

Thomas Pollan, Österreicher im Autorenteam des Reports, kam zur Präsentation in die Oesterreichische Nationalbank (OeNB). Er sagt, die aktuelle Finanzkrise werde ein weiteres Wachstum der Direktinvestitionen heuer verhindern, im Gegenteil, es sei ein Rückgang zu erwarten. Um wie viel? "Es ist wie Kaffeesudlesen." Es gebe zwar einerseits eine Umfrage, die auf ein Minus von zehn Prozent hindeutet, aber die sei "lediglich die Meinung der Unternehmen" und sei bereits Anfang des Jahres durchgeführt worden. Vom Niedergang der Investmentbanken der Wall Street und der Verstaatlichung dreier großer US-Finanzunternehmen ist damals also noch nichts geahnt worden.

Andererseits könnte in der derzeitigen Situation wieder eine "neue Welle" an Direktinvestitionen die Statistik nach oben treiben, da die US-Banken derzeit ja große Aktienpakete ans Ausland verkaufen (müssen), was das Volumen der FDIs (Foreign Direct Investments) aufbläht. Auch die Staatsfonds dürften künftig eine größere Rolle spielen (siehe dazu Artikel rechts).

Pollan weist auch darauf hin, dass der Geldstrom in Richtung Entwicklungsländer nicht abreißt. Im Vorjahr wurden 500 Milliarden Dollar für Investitionen in diese Länder transferiert, die FDI-Stände erreichten in allen Regionen der Welt Rekorde. Überall - außer in Lateinamerika, wo Venezuela und Bolivien Investoren verschrecken - werden auch zunehmend Gesetze erlassen, die etwa über Steuervorteile Direktinvestitionen begünstigen sollen.

Die UNCTAD wählt jedes Jahr ein Spezialthema für ihren Report, diesmal waren es "Infrastrukturinvestitionen". Hier zeigen sich Dynamiken, die auch von der Finanzkrise wenig beeinflusst sind, wie etwa die "neuen" Infrastruktur-Unternehmungen aus China und Indien, die sich in Afrika breit machen. Vor allem die Chinesen sichern sich Einflussbereiche in der Rohstoffwirtschaft. Pollan dazu: "Das hat oft auch gute Auswirkungen auf Afrika, weil außer den Chinesen tut es keiner. Die Firmen sind oft staatlich, nicht Aktionären verpflichtet und geben sich mit kleineren Renditen zufrieden."

Zurück nach Österreich: Sowohl die "passiven" Direktinvestitionen (in Österreich) wie auch die "aktiven" (österreichische Firmen als Investoren im Ausland) erreichten Höchststände. Die Position als Top-Investor in Mittel- und Osteuropa wurde gefestigt. 45 Prozent der Investitionen fließen in die Region. Laut Nationalbank seien die Durchschnittsrenditen auf das dort eingesetzte Kapital mit zwölf Prozent doppelt so hoch wie in Westeuropa. Stark zugenommen hätten Investitionen in Rumänien und Bulgarien, in der Ukraine und Russland sowie in Kroatien und Serbien. "Die Welle geht weiter nach Osten" , so der Direktor der Abteilung Statistik der OeNB, Aurel Schubert. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.9.2008)

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