Britische Atommeiler werden französisch

24. September 2008, 17:16
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Der französische Ener­giekonzern EDF kauft nun doch den Konkurrenten British Energy und baut seine internationale Stellung aus

Der französische Energiekonzern EDF übernimmt nun doch den Konkurrenten British Energy und baut seine internationale Stellung aus - den Heimmarkt schotten die Franzosen aber weiterhin knallhart ab.

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Pierre Gadonneix, der 65-jährige Chef der "Electricité de France" (EDF), gab sich nicht so schnell geschlagen. Noch im Juli hatte ihm British Energy Plc für sein erstes Übernahmeangebot von 765 Pence pro Aktie eine Absage erteilt. Obwohl Branchenexperten schon diesen Preis als hoch bezeichneten, liess Gadonneix nicht locker und ging nun 774 Pence.

Diese - in Kooperation mit dem britischen Gaskonzern Centrica erfolgte - Offerte nahm der Verwaltungsrat von British Energy nunmehr offiziell an. Er erhält damit 15,7 Mrd. Euro und presst das Möglichste aus EDF heraus.

British Energy ist keine taufrische Braut. Ihr veralteter Park von 18 Atomreaktoren muss bis 2023 ersetzt werden. Gadonneix hat es allerdings gar nicht so sehr auf die bestehenden Kernkraftwerke abgesehen. Ihm geht es um die Möglichkeit, via British Energy vier neue Druckwasserreaktoren der neuen AKW-Generation zu bauen. In London bestätigte Premierminister Gordon Brown die Zahl von vier dieser so genannten EPR-Reaktoren und meinte, diese Investition der Franzosen - sie dürfte noch einmal rund 20 Mrd. Euro kosten - sei "ein wichtiger Schritt zum Bau moderner Kraftwerke" in England.

In Paris fragen Skeptiker allerdings, ob Gadonneix nicht zu hoch hinaus wolle. Nur der eine mögliche EPR-Standort in Sizewell sei wirklich tauglich; bei den übrigen stünden Erdbebenrisiken, Meeresspiegelerhöhung und das schottische AKW-Moratorium entgegen. Angesichts dieser Unwägbarkeiten sei der Kaufpreis überrissen. An der Börse stiegen die Titel aller beteiligten Unternehmen.

Der Ingenieur Gadonneix, der als Vertreter des Pariser Establishments auch schon in der Politik mitmischte, denkt aber weniger ans Geld - sondern in Zusammenhängen. Er will den schon heute weltgrößten AKW-Betreiber erdumspannend ansiedeln, um seine neuen EPR-Reaktoren flächendeckend anbieten zu können. Schon heute stark in Europa, Südamerika und Asien engagiert, plant die EDF auch den Sprung in die USA, die wie viele andere die Kernkraft neu entdecken. Parallel zum British-Energy-Deal wollen die Franzosen auch ihren Neun-Prozent-Anteil am US-Partner Constellation Energy erhöhen.

Sein internationaler Beutezug steht in scharfem Gegensatz zum französischen Strommarkt, den der Staatskonzern EDF fast vollständig abriegelt. Während er bei British Energy als erstes einen 35-prozentigen Staatsanteil übernimmt, steht seine eigene Kapitalöffnung keineswegs zur Debatte - und schon gar nicht für ausländische Investoren. Die von Brüssel seit 2004 schrittweise durchgesetzte Öffnung des europäischen Strommarktes gilt in Frankreich nur auf dem Papier - in Wahrheit hat dort die EDF allein das Sagen und wird von der Regierung in Paris nach Kräften unterstützt.

In Deutschland, wo EDF bei der EnBW von Baden-Württemberg beteiligt ist, protestieren große Konkurrenten wie Eon oder RWE erfolglos gegen dieses widersprüchliche Verhalten. Der spanischen Iberdrola platzte im März der Kragen, nachdem die EDF wieder einmal ihre Fühler auf Madrider Unternehmen - unter anderem Iberdrola selbst - ausgestreckt hatte: Die Spanier legten bei der EU-Kommission Beschwerde ein, weil EDF ihren Heimmarkt und ihr Kapital entgegen der europäischen Vorgaben mit Goldenen Staatsaktien und anderen Mittel abschottet. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.9.2008)

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    Die Franzosen übernehmen den britischen Atomriesen und wollen auf der Insel vier neue Reaktoren bauen.

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