Analyse: Werner Faymann - Wilhelm Molterer

24. September 2008, 09:04
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Tatjana Lackner, Politiker-Profilerin und Direktorin der Schule des Sprechens, analysiert für den Standard die politische Rhetorik der TV-Konfrontationen

Das Kanzlerduell - ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Zu früh hat dabei der Finanzminister seine vorbereiteten Sager verbraten: "Es geht nicht um Ihre fünf Punkte, sondern die nächsten fünf Jahre". Danach wurden Zahlen, Daten und Fakten nur noch in Zeitlupe gereicht. Leider ging es nach dem Wortbuffet wenig um konkrete Lösungsmodelle und politische Inhalte. Wo verläuft nun die Trennlinie zwischen Wahlwerbungs-Effekten, unterschiedlichen Positionen und tatsächlich divergierenden Betrachtungsweisen?

Einig schien man sich dafür in der subkutanen Botschaft des Abends: Die große Koalition ist nicht bloß eine unterkühlte Reserve, sondern lauwarme Wahrscheinlichkeit. Teure Verschlimmbesserung!

Faymann gab sich bei der Brautschau wählerisch: BZÖ und FPÖ kommen für ihn ebenso wenig infrage wie die ÖVP - solange Wilhelm Molterer an der Spitze weilt. Doch im gleichen Atemzug unterstrich der Verkehrsminister seine Vorliebe für eine rot-schwarze Regierung dann sofort wieder. Damit rief er die Mächte in der ÖVP an, was strategisch clever war und Molterer - den Ex-Koalitionsflüchtling - Imagepunkte kosten könnte.

Der Finanzminister - "medialer Stolperstein der ÖVP" - konnte die Themenführerschaft bei aller Bemühung um gute Pointen nur selten übernehmen: "Nach dem Kreisky-Rucksack legen Sie das Faymann-Packerl drauf". Molterer war öfter in der Reaktion als in den vorangegangenen Duellen. Seine rhetorische Handlungsfreiheit wurde durch die vordergründige Harmonie-Strategie des selbstzufriedenen Gegenübers eingeschränkt. Kaum einer seiner rhetorischen Aufschläge wurde zum Ass: "Jetzt hab ich gelesen, Herr Faymann, dass sie beim Samy Molcho trainiert haben".
Eigenmarketing

Schnell kam der triumphierende Konter aus der roten Seite des Spielfelds: "Na, ich fuchtel wenigstens ned so viel, wie Sie". Langeweile entstand, als Faymann die Zuseher zwischendurch unfreiwillig zu Konsumenten seines Eigenmarketing und Selbstlobs machte: "Ich bin ja gern am Wort." Fazit: Viele rote Lippenbekenntnisse und schwarze Zahlreihen - die politischen Visionen kamen definitiv zu kurz.

Welke Beispiele, Minister-Jargon und grauer Wortschatz in Zeiten des Farbfernsehens - wenig bunt. Wer bisher wahlkampfsatt und lösungshungrig war, ging auch diesmal Dinner-gecancelled im Inhalt - und trotzdem angefressen - zu Bett. Wer rot sieht, kann ebenso gut weiter schwarzmalen! (DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2008)

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