Reportage: Bezahlte Stimmungsmacher und professionelle Beobachter

23. September 2008, 23:21
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Am Küniglberg duellierten sich die Spitzenkandidaten von Rot und Schwarz - Die ÖVP-Anhänger vor den Toren waren konkurrenzlos, die Gäste im ORF-Zentrum amüsiert

"Willi, Willi, Willi" - Die Zufahrt zum ORF-Zentrum am Küniglberg gehört am Abend des Kanzler-Duells eindeutig den Anhängern Wilhelm Molterers. Rund 200 Menschen sind gekommen, um den ÖVP-Spitzenkandidaten vor der TV-Diskussion anzufeuern - mit Transparenten, Musik und Sprühkerzen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist es leer. SPÖ-Anhänger sind keine in Sicht. Nur ein paar Tierschützer versuchen mit Transparenten auf sich aufmerksam zu machen. Das Fernbleiben der SPÖ am Abend des Kanzlerduells wundert auch zwei junge Frauen im ÖVP-Outfit: "Wir haben uns auch schon gefragt, wo die sind."

Werner Faymanns Ankunft verläuft dementsprechend unspektakulär. Dass sein Wagen gerade vorbeigefahren ist, merken nur die wenigsten. Die SPÖ hat heuer darauf verzichtet, Partei-Anhänger am Küniglberg aufzustellen. In den letzten Jahren hatte es Polizeischutz gegeben, um Ausschreitungen zu verhindern, das wollte man sich diesmal sparen. Zwar ist heuer auch wieder Polizei anwesend, die SPÖ-Fans aber haben sich in ein Lokal in die Innenstadt zurückgezogen, um dort das TV-Duell zu verfolgen.

"Wir werden bezahlt"

Seitens der ÖVP sind aber nicht alle freiwillig gekommen. "Wir werden bezahlt, dass wir hier sind", sagt ein Musiker einer Trommlertruppe des Bauernbunds. Wieviel er dafür bekommt, dass er die Sprechchöre der ÖVP-Fans begleitet, will er im Gespräch mit derStandard.at aber nicht verraten.

Der Auftritt der Trommler dauert allerdings nicht lang: Sie unterstützen die Menge bei ihren "Willi"-Parolen, als der um 20 Uhr 30 vor dem ORF-Zentrum ankommt. Mit Sprühkerzen empfangen sie den Vizekanzler, er bedankt sich mit Handshakes. Mit den Transparenten begleiten die Fans ihn noch zum Eingang, dort ist allerdings Endstation für sie. Die Menschenmenge löst sich schnell auf. "Wir fahren jetzt zum Public Viewing in die Politische Akademie", ruft ein junger Mann seine Freunde zusammen.

Journalisten im "Open House"

Im ORF-Zentrum haben sich eine Viertelstunde vor Beginn des Kanzlerduells schon zahlreiche professionelle Beobachter eingefunden: Pressesprecher und Journalisten verfolgen die Diskussion vor Ort in einem extra eingerichteten Raum ("Open House") mit Leinwand. Es ist düster, alle Blicke richten sich auf die Leinwand und es riecht nach Würstel, schließlich gibt es auch ein Buffet und Getränke. Mit Spannung wird darauf gewartet, welcher der beiden Kanzleranwärter besser abschneiden wird.

Von Seiten der SPÖ sind Bundesgeschäftsführerin Doris Bures und die Nationalratsabgeordnete Laura Rudas anwesend. Als ÖVP-Mitglieder haben sich Generalsekretär Hannes Missethon, Gesundheitssprecher Erwin Rasinger und der ehemalige Innenminister Ernst Strasser eingefunden.

Applaus und Gelächter

Als die Diskussion beginnt, wird es ruhig im Raum. Nur noch vereinzeltes ist Gemurmel zu hören, wenn sich die anwesenden Journalisten untereinander über die Performance der Kanzleranwärter austauschen.

Doris Bures nickt immer wieder bestätigend, wenn Faymann am Wort ist. Oft gibt es Gelächter im "Publikum", wenn sich die beiden Politiker in die Haare kriegen. Ein paar ÖVP-Anhänger applaudieren, als Molterer sein Schlussstatement abgibt. Auch die SPÖ-Anhänger zeigen sich mit Faymanns Auftritt zufrieden.

Wenige Minuten nach dem Duell betritt SPÖ-Spitzenkandidat Faymann das "Open House". Er wird mit Applaus empfangen und Doris Bures fällt ihm um den Hals. Und auch Vizekanzler Molterer kommt lächelnd in den Übertragungsraum und wird mit einem Glas Bier von einem Parteikollegen empfangen. Die beiden Kanzlerkandidaten stellen sich Journalistenfragen und lassen den Abend hier ausklingen.

Zerplatzte Luftballons

Vor dem ORF-Zentrum am Küniglberg sind nach der TV-Diskussion nur noch eine Handvoll ÖVP-Anhänger anzutreffen. Mit einer Österreich-Fahne im Schlepptau machen sie sich gerade auf den Heimweg. Zurück bleiben nur zerplatzte Luftballons. (Elisabeth Oberndorfer, Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 23.9.2008)

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    "Willi on Top": Das Duell um die lautesten Anhänger gewinnt zumindest Wilhelm Molterer.

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    Doris Bures amüsierte sich bei der Übertragung im "Open House" des ORF-Zentrums sichtlich. Ihr Kollege Werner Faymann hat sich dafür eine Umarmung verdient.

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    Über die Aussagen des Kontrahenten lachte die SP-Bundesgeschäftsführerin besonders.

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    Der ÖVP-Chef verfolgt die ZiB2-Analyse mit einer Flasche Bier.

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