"Der Baader Meinhof Komplex": "Ich hätte mir Che nie ins Zimmer gehängt"

23. September 2008, 19:03
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Der Film "Der Baader Meinhof Komplex" rekapituliert die Geschichte der RAF mit Staraufgebot – eine Montage aus zwei Gesprächen mit Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel

STANDARD: Herr Eichinger, mit "Der Untergang" und "Der Baader Meinhof Komplex" rekonstruieren Sie zwei deutsche Geschichtsbilder mit viel Detailfreude. Was macht diese Nachstellung von Geschichte(n) für Sie so interessant?

Eichinger: Ich habe kein Interesse daran, Geschichte zu präsentieren. So funktioniert das nicht. Wenn man Filme macht, geht man vom eigenen Interesse aus. Im Nachhinein kann man natürlich über die beiden Filme sagen, dass sie zwei düstere Kapitel deutscher Geschichte thematisieren.

STANDARD: Worin liegt denn Ihr persönlicher Bezug?

Eichinger: Als jemand aus der ersten Nachkriegsgeneration hat mich die Zeit des Nationalsozialismus vor allem deshalb interessiert, weil es darüber ein so großes Schweigen gab. Meine Generation hat in den Spät-60ern ihr politisches Denken entwickelt - die Folge war, dass es enorm gekracht hat. Das glich einem hysterischen Gegenrudern.

STANDARD: Herr Edel, wie sehen Sie das? Warum gerade jetzt eine Geschichte der RAF?

Edel: Ich hab den Film ein wenig für meine Jungs, die 21 und 22 Jahre alt sind, gemacht - als ob ich ihnen die Zeit erklären möchte. Mir war es wichtig, etwas über den Kontext der damaligen Ereignisse auszusagen, auch über die Jahre 1967 und 1968. Der Film beginnt zu einem Zeitpunkt, zu dem die RAF noch gar nicht als solche existiert hat. Ich wollte vermitteln, wie man sich in diesem linken Umfeld gefühlt hat. Wenn man sieht, was bei der Demonstration gegen den Schah-Besuch passiert ist, erhält man schlaglichtartig ein Gefühl für das, was die Bewegung bestimmt hat. Die Polizeischlacht war durch nichts legitimiert.

STANDARD: Martina Gedeck spielt Ulrike Meinhof, die prägnanteste Figur des Films. Sie erzählt auch etwas über die Verführungskraft der ersten Generation - und mit Stars kann man sich leicht identifizieren.

Edel: Ich wollte Identifikation ermöglichen. Da gibt es überhaupt nichts zu verheimlichen. Ich wollte, dass man mit ihnen dabei ist. Ich wollte, dass man die Wut, die damals entstand, nachvollziehen kann. Über Baader wusste man ja nicht viel, über Ulrike Meinhof dagegen schon. Man hat regelmäßig ihre Konkret-Kolumnen gelesen. Sie hat einen entscheidenden Schritt gemacht, als sie den berühmten Fenstersprung tat: von einem sehr etablierten Platz in die Illegalität.

Eichinger: Verführerisch war die erste Generation der RAF aber nur zu einem bestimmten Grad. Man muss zwischen der Studentenbewegung und der RAF unterscheiden. Als man so weit ging, den Staat anzugreifen und zu sagen, man wolle eine andere Weltordnung, wurde es ziemlich unspaßig. Uli Edel war ja eine Zeit lang Revolutionsromantiker, ich nie. Ich hätte mir auch nie den Che Guevara in meine Studentenbude gehängt. Und Mao fand ich damals schon fürchterlich.

STANDARD: Der Film legt mehr Wert auf Darstellung als auf Analyse. Der letzte Satz, den Brigitte Mohnhaupt ausspricht, deutet aber an, dass er sich klar gegen den Mythos positioniert. Er lautet: "Hört endlich auf, sie so zu sehen, wie sie nie waren."

Eichinger: Ja, das soll auch so sein. Erstens ist es Mohnhaupts Satz, der so überliefert ist. Der Film hat allerdings viele Facetten. Manche Leute beklagen, der Film habe keine Haltung. Das ist natürlich Unsinn: Er stellt Fragen, ist aber nicht investigativ gemeint. Er will die Personen in ihrer Zeit darstellen. Damals waren diese Dinge möglich. Ansonsten müsste man ja annehmen, dass alle Beteiligten verrückt waren.

Edel: Der Satz ist auch deshalb wichtig, weil Mohnhaupt gegenüber ihren Gefährten den Mythos aufrechtzuerhalten versucht hat.

STANDARD: Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher meinte, der Film bereite der Erziehungsdiktatur ein Ende. Stimmen Sie dem zu?

Eichinger: Freilich. Es deutet aber nichts darauf hin, dass sie zu Ende ist. Leider! Die Leute benehmen sich wie Schullehrer, die meinen, sie könnten den Menschen etwas beibringen. Man kann den Leuten aber nichts beibringen, nicht einmal den eigenen Kindern. Man kann Menschen nur etwas vorleben. Filmemachen ist wie Vorleben. Gute Filme lassen dem Zuschauer Raum zu denken. Und andere finde ich reizlos.

STANDARD: Der BKA-Chef Horst Herold, verkörpert von Bruno Ganz, vertritt den Staat. Er behält den Überblick - von Fehlleistungen auf dieser Seite ist nicht viel zu sehen.

Edel: Ich habe einen Gegenpol gebraucht. Mit Herold verhält es sich natürlich so, dass man ausgerechnet einen vor sich hat, der überraschend integer ist.

Eichinger: Es sind viele Fehlentscheidungen passiert. Aber ich bin sehr froh, dass man darauf geachtet hat, dass der Rechtsstaat intakt bleibt. Herold sagt nur Sätze, die er tatsächlich oder so ähnlich ausgesprochen hat. Wenn man seine Interviews heute liest, haben sie fast etwas Prophetisches.  (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 9. 2008) 

Ab Freitag im Kino

 

Zu den Personen
Bernd Eichinger ist Deutschlands Erfolgsproduzent. In den 70er-Jahren realisierte er Autorenfilme von Alexander Kluge oder Wim Wenders, er verlegte sich dann aber zunehmend auf Großproduktionen. Zuletzt erregte er mit "Der Untergang" viel Aufsehen. Uli Edel studierte gemeinsam mit Eichinger in München Film. Zu seinen Arbeiten zählen "Christiane F." und "Letzte Ausfahrt Brooklyn".

  • Polizeischlacht auf deutschen Straßen: Martina Gedeck als Ulrike
Meinhof in "Der Baader Meinhof Komplex" - bis hin zum Dufflecoat wurden
Requisiten akribisch recherchiert.
    foto: constantin

    Polizeischlacht auf deutschen Straßen: Martina Gedeck als Ulrike Meinhof in "Der Baader Meinhof Komplex" - bis hin zum Dufflecoat wurden Requisiten akribisch recherchiert.

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    Freunde seit Studententagen: Uli Edel (li.) und Bernd Eichinger.

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