Prioritäten des Pekuniären

23. September 2008, 19:12
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Überreichliches Material zum Nach-Denken: Das Philosophicum Lech behandelte Geld in allen Spiel- und Machtarten – und bietet Ausblick auf das Schöne

Die laufenden Meldungen von Bankpleiten, Börsenpanik und Kunstmarktrekorden bildeten den wie bestellten Hintergrund. Mit dem Thema Geld sich ideologiekritisch und vernunftgeleitet auseinanderzusetzen, die Philosophie als Leitwissenschaft aufblitzen zu lassen, dabei Fachleute aus anderen Disziplinen einzuladen: Das hätte zwar jederzeit ein erfolgreiches Symposium ergeben.

So geriet das Philosophicum Lech unter der Leitung von Konrad Paul Liessmann letzte Woche eben zu einem noch aktuelleren Ereignis. Wobei es gerade dann gut tut, nach Grundsätzlichem zu fragen.

Zum Beispiel danach, was Geld eigentlich ist, woher es seine Macht nimmt und ob und wie daran etwas zu ändern wäre. Die Referenten waren sich durchaus nicht einig, dafür ergab sich überreichliches Material zum Nach-Denken. Dass Geld rational ist, ohne Qualität, lässt sich in der Nachfolge von Georg Simmel und Max Weber argumentieren – wobei Letzterer sich sicher war, dass kein Nationalökonom wüsste, wie das Zahlungsmedium "funktioniert".

Diese heute gleichermaßen aktuelle Kritik zitierte Jochen Hörisch, Medientheoretiker an der Uni Mannheim. Er nannte aber auch Nietzsches Verweis, dass das Denken in pekuniären Kategorien das philosophische Denken schon in der Antike geformt habe. Und der Volkswirtschafter Karl-Heinz Brodbeck (Würzburg/München) holte noch weiter aus und vertrat die ganz andere These, dass Geld überhaupt eine Illusion sei.

Doch die Praktiker in Lech drängten auf handfestere Analysen. Dem Geld in seiner Funktion als Kapital schrieben sie zu, dass es soziale Macht habe, zum Privatvergnügen akkumuliert (Onkel Dagoberts Bad im Geldspeicher wurde folgerichtig mehrmals genannt) oder zur Vermehrung eingesetzt werden könne.

Zinseszins aber, so hakte die Architektin und Ökologin Margrit Kennedy ein, sei die Wurzel eines Übels, das sie als moderne Sklaverei bezeichnete. Als Ausweg sieht sie komplementäre Währungen, die sozialen Zwecken dienen. 30 gibt es bereits alleine in Deutschland, eine, den Chiemgauer, führte sie als Beispiel vor.

Der Wiener Nationalökonom Stephan Schulmeister maß dem Komplementärgeld nur begrenzten Nutzen in bestimmten wirtschaftlichen Phasen zu. Er selber kam zur Causa prima und führte den gegenwärtigen Crash als Folge der Auseinanderentwicklung von Real- und Finanzkapitalismus vor. Die Verlagerung von Ressourcen zu Letzterem habe zu einem massenhaften Irrglauben geführt, dem er den "Schulmeister’schen Fundamentalsatz, das ANWN-Gesetz" entgegenhielt: "Aus nix wird nix." Nach dem Platzen der Blase werde keine Rückkehr zum Free-Market-Business as usual stattfinden, so Schulmeister.

Von Erlösung zum Lösegeld

Kein in der Wolle gefärbter neoliberaler Wirtschaftswissenschafter trat gegen diese Ausführungen an. Man fragte sich aber, ob nach dem jahrzehntelangen Lob des freien Marktkräftespiels etwas anderes als Apologetik zu erwarten gewesen wäre. In diesem Sinn überraschte Hörisch mit einer komplexen und spannenden Gegenüberstellung des "digitalen Mediums Geld" mit dem "analogen Medium Abendmahl". Die ersten mehr als tausend Jahre Christentum interpretierte er als Hegemonie des christlichen Heilsversprechens – bis die Renaissance wieder auf pekuniäre Prioritäten zurückgriff: von Erlösung zum Lösegeld.

Der Philosoph Gottfried Gabriel (Uni Jena) wiederum setzte sich produktiv mit der Ästhetik von Münzen und Papiergeld auseinander, nicht als Selbstzweck, sondern im Zusammenhang mit den jeweiligen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. BRD- und DDR-Pfennige sowie die Schilling-Münzen dienten als Anschauungsmaterial: Dem ostdeutschen Regime wurde schon allein wegen seiner "Alu-Chips" nicht viel zugetraut.

Wann wurde Geld gezeigt, wann schamhaft ignoriert? Wie lässt sich der Judaslohn, wie die käufliche Liebe darstellen? Antworten führte Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder vor. Durch die Jahrhunderte stellten Maler Geiz, Armut und Verschwendung dar, die meisten Bilder sind heute wertvolles Kulturgut. Doch Vorsicht, warnte Schröder: "Der Kunst, die man nur kauft, wird man nicht habhaft."

Am Ende des Symposiums meinten manche Zuhörer, dass wohl kaum etwas Besseres nachfolgen werde. Vielleicht doch? Bürgermeister Ludwig Muxel, der das Philosophicum schon zwölfmal in seinem Ort willkommen geheißen hatte, kündigte wie immer das nächstjährige Thema an: "Vom Zauber des Schönen. Reiz, Begehren und Zerstörung", 16. bis 20. September 2009. (Michael Freund aus Lech/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.9. 2008)

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    Foto: APA/AP/Thomas Kienzle

    Lange Zeit durch das "analoge Medium Abendmahl" verdrängt: die harte Währung.  

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